QWANTensprung für Europäische Suchmaschinen?
Die EU hat schon vor Jahren entschieden, dass Googles Mutterkonzern Alphabet ein Gatekeeper im Sinne des Digital Markets Act ist. Das hat niemanden überrascht.
Dass Google den Digital Markets Act nicht mag, habe ich Dir ja schon mal erzählt und hat Dich auch nicht überrascht.
Dass die EU dieses Schwert zückte und den Fechtkampf mit Google aufgenommen hat, hat dann die einen oder anderen resignierten Zyniker und Zynikerinnen doch vielleicht überrascht.
Als Search Engine Journal berichtete, dass Google ab Mitte November tatsächlich Suchdaten für europäische Konkurrenten zur Verfügung stellen wird war ich selbst kurz ein bisschen überrascht.
Ja gut, das steht so im DMA Art. 6 (11)
The gatekeeper shall provide to any third-party undertaking providing online search engines, at its request, with access on fair, reasonable and non-discriminatory terms to ranking, query, click and view data in relation to free and paid search generated by end users on its online search engines. Any such query, click and view data that constitutes personal data shall be anonymised.
Google hat mindestens seit 2023 auch eine "Google European Search Dataset Licensing Program" mit der EU in Diskussion. Im Juli hat nun die EU-Kommission aber entschieden, dass sie es wirklich ernst meinen und geht damit weiter als US-Richter letztes Jahr.
Jetzt hat Google aber konkrete Details veröffentlicht. Also die konkreten Details verweisen genau genommen an diversen Stellen auf das "measures"-Dokument der EU, das leider unter der verlinkten URL (Stand 2026-09-11) auf die Pressemitteilungen zur "Competition Policy" der EU weiterleitet... Ernsthaft Google?! Ihr habt den Link 8 Mal auf der Seite verwendet und das Link-Ziel ist nicht korrekt? Mein SEO-Herz blutet.
Nun heißt es ja "Never assume malice when stupidity will suffice", also gehen wir davon aus, dass diese furchtbare Fehlverlinkung die folgenschwere Fusion aus fundamentaler Fachfremdheit und der frappierenden Faulheit fehlbesetzter Fachkräfte ist.
Damit Du nicht unter den Kompetenzengpässen bei Google leiden musst, habe ich in den diversen EU-Portalen rumgeschnüffelt und ein alternatives Link-Ziel gefunden: Die ausführliche Commission Implementing Decision zu dem Fall. Ab Seite 340 ist darin ein Abschnitt "Final Measures". Diese Version allerdings "has been adapted for publication"... Möglicherweise ist die von Google verlinkte URL die rechtswirksame, aber eben nichtöffentliche Variante dieser "Final Measures"... Soweit ich das sehe, sind hauptsächlich diverse konkrete Namen und Zahlen und konkrete Details zu Googles Interna aus dem Dokument zensiert, aber die Maßnahmenbeschreibung ist nicht betroffen. Insofern gehe ich unzynischerweise davon aus, dass da keine relevanten Unterschiede vorliegen (und nicht das Hanlon's Razor hier daneben lag und diese Verlinkungs-Verfehlung von Google doch eher eine malade Mischung aus mutwilliger Manipulation, miesen Machenschaften und messerscharfer Missgunst war).
Was muss Google Google Teilen
Wie auch immer, dieses Search Dataset könnte Googles Wettbewerbern tatsächlich helfen. Einer der größten Wettbewerbsvorteile für Google ist es, dass Google so viel mehr Nutzersignale hat, aus denen es lernen kann, welche Zielseiten eine Nutzerintention besser erfüllen. Suchmaschinen wie beispielsweise Qwant oder Ecosia (aber auch Bing) wären nicht mehr ausschließlich auf die eigenen Nutzersignale beschränkt, sondern könnten eben auch Googles Daten anzapfen, um die eigenen Suchalgorithmen zu verbessern.
Was Google zur Verfügung stellen muss, ist in der Zusammenfassung der Kommissionsentscheidung aufgeführt.
Für Suchen aus der EU gibt es also grob zusammengefasst:
- Eingegebene Queries inklusive "any modifications made by end users and Alphabet to initial queries, and any other metadata about the users and their queries" Also: alle Informationen, um die Nutzerintention der einzelnen Anfragen bestmöglich einordnen zu können
- die ausgeispielten URLs der SERP, inklusive Informationen über "visual elements which are displayed on search engine result pages, served to end users in response to their queries and are viewed by them [...]", sowie detaillierte Positionsdaten zu diesen URLs Also: welche URLs Google zu der Nutzerintention relevant fand und wie diese dargestellt und priorisiert wurden.
- Klickdaten und andere Nutzerinteraktionsdaten, inklusive "type, timing, order and duration (where relevant) of user actions, or lack thereof" Also: weitreichende Nutzersignale, um abzuschätzen, welches Ergebnis die Nutzerintention am besten erfüllt hat.
und das alles "on par with the data collected by Alphabet for the purpose of optimising its [online search engine] service" und sowohl für organische Ergebnisse als auch Anzeigen.
Mit diesen Daten lässt sich unheimlich viel für einen Suchalgorithmus lernen und Google muss das jetzt für Wettbewerber in der EU zugänglich machen.
Und zwar FRAND (Fair, Reasonable, and Non-Discriminatory). Das bedeutet: Google ist nicht gezwungen, diese Geschäftsgeheimnisse kostenlos für jeden zur Verfügung zu stellen oder gar öffentlich zu machen, aber darf trotzdem nicht einfach unerfüllbare Zugangsvoraussetzungen erlassen und/oder unbezahlbare Preise verlangen.
Mit der Regelung des Preismodells beschäftigen sich weite Teile Commission Implementing Decision. (Ich hab mir das nicht komplett durchgelesen, aber für Dich als Hausnummer: Die von Google vorgeschlagene Preisspanne zwischen 1.600.000 € and 9.900.000 € für den Datensatz eines Quartals fand die EU-Kommission wohl überzogen).
FRAND-tastische Bedingungen für SEOs?
Diese Daten sind aber natürlich nicht nur für die Suchmaschinen spannend, sondern auch für Dich und mich und die ganzen anderen SEOs dieser Welt. Google möchte aber SEOs diese Informationen natürlich nicht an die Hand geben und sagte explizit:
Eligibility criteria to receive search data: [...]
- No SEOs. [...]
Die Formulierung ist so nicht mehr in Googles aktuellen Kriterien formuliert. Inhaltlich ist diese Anforderung aber weiter erfüllt. Die Daten gibt es nur für Suchmaschinen.
Fun Fact: hier wurde eine bürokratische Version einer Weiterleitungskette eingebaut:
- Online search engine. The licensee must qualify as an online search engine as defined in Art. 2(6) DMA.
Quelle: About the Google European Search Dataset Licensing Program" Landing Page
Art. 2(6) DMA definiert
‘online search engine’ means an online search engine as defined in Article 2, point (5), of Regulation (EU) 2019/1150;
Quelle: Regulation (EU) 2022/1925 (AKA: Digital Markets Act) Art. 2(6)
und da steht dann:
‘online search engine’ means a digital service that allows users to input queries in order to perform searches of, in principle, all websites, or all websites in a particular language, on the basis of a query on any subject in the form of a keyword, voice request, phrase or other input, and returns results in any format in which information related to the requested content can be found;
Quelle: REGULATION (EU) 2019/1150 Artikel 2 (5)
Das ist zwar eine sehr weit gefasste Definition, die beispielsweise auch Dienste wie ChatGPT beinhaltet, aber die Suchmaschine braucht mindestens 50k monatliche Nutzer in der EU. Das bekommst Du nicht mal eben als Side-Hustle hin, nur um die Daten für deinen SEO-Bedarf abzuschnorcheln.
Immerhin werden wir wissen, welche Suchmaschinen diese Daten nutzen:
[...] Alphabet must maintain a public list of third-party OSEs in receipt of the Search Dataset [...]
Quelle: Commission Implementing Decision Abschnitt 4.6.9.2. Measures (1357)
Ich kann mir vorstellen, dass ein SEO-Tool-Anbieter wie Sistrix oder ahrefs Interesse an einer Kooperation mit einer der teilnehmenden Suchmaschinen hat. Mit den Daten könnte so ein Tool im Prinzip das komplette Scraping der SERPs ersetzen.
Google wird so etwas aber sicherlich nicht einfach so zulassen, und da SEO-Tools auch nicht der vom DMA vorgesehene Zweck der Maßnahme sind, hat die EU-Kommission da auch keinen Grund einzuschreiten.
Insofern erfüllen sich Deine feuchten SEO-Datengrundlagenträume leider nicht. Vielleicht gibt es aber ja in den nächsten Jahren SEOs, die jemanden kennen, der jemanden kennt, sodass zumindest hier und da ein Datenpaket vom Laster fällt, auf dessen Basis auch wir SEOs etwas lernen können.
Lässt Google sich das gefallen?
Scheinbar schon, zumindest oberflächlich. Den Mehrwert aus diesen Informationen rauszuziehen ist aber kein Selbstläufer. Google hat an den Prozessen, wie diese Daten genutzt werden, Jahrzehnte gefeilt. Mit einem "Bau mir auf Basis dieser Daten mal sowas wie Googles Navboost"-Prompt an irgendein Coding-LLM holst Du diesen Erfahrungsvorsprung nicht auf.
Will sagen:
Google muss zwar die Zugbrücke runterlassen, aber Googles Wettbewerber können nicht einfach durchs Tor dahinter marschieren sondern auf der anderen Burggrabenseite immer noch die Mauern erklimmen. Und Google muss ihnen ja beim Klettern auch nicht tatenlos zusehen.
Der Zyniker weiß (was die alles wissen diese Zyniker, schlaue Leute müssen das sein): Ein jeder Großkonzern, der was auf sich hält, braucht eine ordentliche Abteilung für Malicious Compliance, die die Lücke zwischen der Rechtsabteilung und der Abteilung für Korrup... ähhh ich mein... Lobbyarbeit schließt.
Es ist egal, wie genau die EU-Kommission definiert, was geteilt werden muss. Mit ein bisschen Kreativität lassen sich Datenformat und die APIs schnell sehr unhandlich gestalten.
Außerdem können auch Gestaltungsanpassungen der SERP Seiteneffekte auf den Datenbestand und seine Auswertbarkeit und Aussagekraft haben. Ich hab schon häufig genug gesehen, wie Webseiten ihre Datenerhebung versehentlich zerschossen haben. Wenn Google will, können sie das auch gezielt machen (und dabei die negativen Effekte dann in der eigenen Auswertung gering halten).
Wenn man dabei zu unsubtil vorgeht, könnte das natürlich wieder Reaktionen der EU-Kommission nach sich ziehen. Aber bewusst zu provozieren kann natürlich eine Strategie sein. Falls Google auf Krawall gebürstet ist, geht das auch offensichtlicher.
Die Grundlagen dafür sind schon gelegt. Die Anforderung ist ja eindeutig:
[...] all URLs [...] which are displayed on search engine result pages [...]
Quelle: Case Summary zu Google Search Data Sharing
Und soweit ich das im Wortlaut der ausführlichen Commission Implementing Decision nachvollziehen kann, steht auch dort überall nur etwas von auf der SERP dargestellten URLs.
Zum Schutz vor Scraping auf der SERP werden aber seit kurzem ja diese google.com/goto-URLs ausgespielt... Also sind de facto die tatsächlichen Ziel-URLs nicht mehr auf der SERP dargestellt...
Für einen putativen Google-CMCO (Chief Malicious Compliance Officer) wäre das eine "low-hanging fruit".