- Mark Twains über 130 Jahre alte Literaturkritik an Fenimore Coopers Schreibstil offenbart überraschende Parallelen zu den Problemen, die wir heute mit KI-generierten Inhalten sehen.
- Twains ad-hoc formulierte „Regeln der Kunst“ für gute Texte sind zeitlos und lassen sich ohne große Mühe auf allgemeinen Website-Content und unsere Online-Marketing-Konversationen übertragen.
- Konkret spiegeln sich Twains Kritikpunkte wie mangelnde Relevanz, überflüssige Inhalte, fehlende Präzision oder die Verwendung von „ungefähren Wörtern“ direkt in den typischen Schwächen von KI-Content wider.
- Seine „literarischen Vergehen“ bieten uns einen wertvollen Rahmen, um die Qualität von Inhalten – ob menschlich oder KI-erstellt – kritisch zu hinterfragen und sicherzustellen, dass unser Content zielgerichtet und nutzerzentriert ist.
Generimore Slopper’s Literary Offenses
Also, ehrliche Warnung: Dieser Artikel wird keine SEO, GEO, OMEPS (Online Marketing excluding Social and Paid; nur um nochmal ein neues Akronym ins Rennen zu werfen) Erkenntnisse für Dich enthalten.
Falls Du Fakten für fachliche Fortbildung favorisierst, fehlen diese in diesem Newsletterartikel.
In dem Fall haben andere Wingmenschen glücklicherweise noch Schlaues und Wissenswertes in die anderen Artikel dieser Ausgabe geschrieben.
Weiterlesen lohnt sich für Dich dann, wenn Deine Nutzerintention gerade eher so amüsiertes Schmökern ist und es Dir ausreicht.
Vielleicht nimmst Du auch ein bisschen nutzloses Wissen mit, das als Smalltalk Tidbit auf Deiner nächsten OOMCO-Konferenz (Organic Online Marketing Channel Optimization; okay, das ist ein bisschen sehr sperrig) herhalten kann.
Besondere Relevanz könnte dieser Artikel für Dich außerdem haben, wenn Du in Deiner Jugend (oder davor oder danach) Werke von Fenimore Cooper (z.B. „Lederstrumpf“) und/oder Mark Twain gelesen hast.
Mark Twains zeitlose Literaturkritik
Vor ein paar Tagen bin ich auf Mark Twains Aufsatz „Fenimore Cooper's Literary Offenses“ gestoßen (nach einem Rabbit-Hole, das beim Tooltip von XKCD Nr 3288 begann; Dank an Randall Munroe).
Mark Twain hat ja einige gute Bücher geschrieben; Fenimore Cooper verknüpfte ich irgendwo in den Untiefen meines Hinterkopfs mit einem abgegriffenen Buchrücken aus einem Bücherregal meiner Eltern (in dem viele gute Bücher standen). Die Kombination aus Autor und Titel hatte meine Neugierde daher grundsätzlich geweckt. Nachdem ich auf dem Wikipedia-Artikel zu diesem Werk die Worte
„The essay is characteristic of Twain's biting, derisive, and highly satirical style of literary criticism [...]“
gelesen hatte, blieb mir quasi nichts anderes übrig, als wertvolle Lebenszeit (genauer: besonders wertvolle Schlafenszeit) zu opfern und diesen Aufsatz in Gänze zu lesen.
Ich sollte nicht enttäuscht werden. Nicht nur wegen Mark Twains biting, derisive, and highly satirical style.
Du hast jetzt die Wahl:
- Möglichkeit 1: ca 20 Minuten investieren und den Text von Mark Twain im Original lesen
- Vorteil 1: Mark Twain ist besser zu lesen als meine Worte und den Rest dieses Artikels lesen ist dann überflüssig.
- Vorteil 2: Du hast potenziell einen Informationsvorsprung bei putativem Konferenz-Smalltalk in den nächsten Monaten, falls Dein jeweiliges Gegenüber sich lediglich für Möglichkeit 2 entschieden hat (oder diesen Artikel überhaupt nicht gelesen hat, dann reicht aber auch Möglichkeit 2).
- Möglichkeit 2: ca 2 Minuten investieren, indem Du einfach hier weiterliest.
- Nachteil 1: Risiko, dass Du Dich selbst spoilerst, falls Du nach dem Lesen des Artikels doch noch den vollen Aufsatz von Mark Twain lesen willst.
- Nachteil 2: Potenzielle peinliche Wissenslücken bei putativem Konferenz-Smalltalk.
Also ich würde Dir die Möglichkeit 1 ans Herz legen. Nicht ohne Neid kann ich Mark Twains sprachliche Eleganz, mit der er Coopers Schreibstil zerlegt, loben. Die mühelos nach links und rechts verteilten satirischen Seitenhiebe suchen ihresgleichen.
Allein an ausführlich ausgeschlachteten Alliterationen sehe ich einen gewissen Mangel. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.
Ob die Kritik Fenimore Cooper zurecht trifft, weiß ich dabei ehrlich gesagt nicht. Wie gesagt erinnere ich mich an diesen Buchrücken im Regal meiner Eltern, aber ich bin unsicher, ob ich dieses Buch jemals aus dem Regal genommen habe… Wenn, ist es Jahrzehnte her. Und die schemenhaften Handlungsfetzen, die ich erinnere, könnte ich auch über popkulturelle Referenzen aufgeschnappt haben.
Ich werde mir bei Gelegenheit den Lederstrumpf wohl (noch?)mal vornehmen (trotz bzw. gerade wegen Mark Twains Kritik daran). Ich zögere, ob in der deutschen Übersetzung, oder im englischen Original... So oder so halte ich mich mit eigenen Wertungen über Fenimore Coopers schriftstellerische Leistung besser zurück.
Aber um diese geht es mir auch eigentlich gar nicht. Die Bissigkeit, mit der Mark Twain Coopers Werke verreißt, ist auch nicht der Stein des Anstoßes für diesen Artikel. Es ist die Aktualität des Textes für Deinen und meinen Alltag.
Verstöße gegen die Regeln der Kunst gestern und heute
Viele der Kritikpunkte, die häufig über KI-Content genannt werden, findet Mark Twain bei Fenimore Cooper genauso. Aus seinem Fazit damals:
„[...] A work of art? It has no invention; it has no order, system, sequence, or result; it has no lifelikeness, no thrill, no stir, no seeming of reality; [...]“
Die Worte sind über 130 Jahre alt, aber könnten exakt so in einem Artikel stehen, der die Qualität von KI-geschaffenen Inhalten kritisiert.
Nicht nur im Fazit sehe ich (und amüsiere mich über) Parallelen. Es zieht sich eigentlich durch den ganzen Text.
Mark Twain zählt in seinen Ausführungen 18 Regeln der romantic-fiction-Literatur auf, deren Nichteinhaltung er Fenimore Cooper vorwirft. Das sind keine objektiven, fundierten und klar definierten Standards der Literaturwissenschaft, die Mark Twain aus irgendeinem Lehrbuch zitiert, sondern ein ad hoc postulierter Regelsatz als Stilmittel. Trotzdem sind diese Regeln schlüssige und zeitlose Anforderungen an gute Texte.
Die meisten lassen sich auch ohne große Verbiegung von romantic fiction auf allgemeinen Website-Content ummünzen. Unabhängig davon, ob ein LLM oder ein Mensch diesen Content erstellt.
Beispielsweise:
„16. Avoid slovenliness of form.
- Use good grammar.
- Employ a simple and straightforward style.“
Das sind so grundlegende Anforderungen, dass sie in einem Content-Briefing nicht extra erwähnt werden müssen (also im Idealfall...)
Andere Punkte können zwar nicht 1:1 verwendet werden, aber die Transferleistung von Literatur zu Online Marketing ist jetzt auch keine übermäßige Denksportaufgabe:
„2. They require that the episodes of a tale shall be necessary parts of the tale, and shall help to develop it.“
Deine Inhalte sollten zu Deinem Thema passen. Wenn Deine Domain ein Finanzportal ist, solltest Du nicht zwischendurch in Gartentipps abschweifen (sagt genau der Richtige, ich weiß).
Und Deine Inhalte sollten helfen, Deine Geschichte zu entwickeln, AKA Deine Nutzer hin zur Conversion führen.
„5. They require that when the personages of a tale deal in conversation, the talk shall sound like human talk, and be talk such as human beings would be likely to talk in the given circumstances, and have a discoverable meaning, also a discoverable purpose, and a show of relevancy, and remain in the neighborhood of the subject in hand, and be interesting to the reader, and help out the tale, and stop when the people cannot think of anything more to say.“
Dein Online-Marketing ist quasi eine Konversation mit Deinen Nutzern. Sprich eine authentische Sprache, die zu Deiner Marke passt und die Deine Nutzer verstehen. Schaffe relevanten authentischen Content, der auf die Nutzerintention einzahlt.
Passt als Allgemeinplatz in jeden Konferenz-Talk.
„4. They require that the personages in a tale, both dead and alive, shall exhibit a sufficient excuse for being there.“
Genau, Du sollst keine irrelevanten Inhalte auf Deiner Seite haben. Was nicht (mehr) relevant ist: aktualisieren oder löschen/deindexieren.
„3. They require that the personages in a tale shall be alive, except in the case of corpses, and that always the reader shall be able to tell the corpses from the others.“
Ok, die Transferleistung steigt. Lies ‘Personages’ als Produkte und Zack, geht es um E-Commerce Best Practices: Lieferbarkeit/Verfügbarkeit Deiner Produkte muss für Deine Nutzer klar erkennbar sein.
„11. They require that the characters in a tale shall be so clearly defined that the reader can tell beforehand what each will do in a given emergency.“
Ich verbiege das noch ein bisschen weiter und mixe Accessibility in meine Interpretation: Bedienelemente Deiner Seite sollen klar verständlich sein, sodass ein Nutzer vorhersehen kann, was beim Klick passiert.
Bei einigen der Regeln sehe ich aber auch eindeutigen AI-Bezug:
„1. That a tale shall accomplish something and arrive somewhere.“
Der Inhalt soll die Nutzerintention erfüllen, klar. AI-Content kann das auch. Häufig genug aber auch nicht, und spätestens die KI-Chats sind nicht auf Erfüllung der Nutzerintention optimiert, sondern auf Engagement. Eine Chat-Unterhaltung soll nicht irgendwo ankommen, sondern immer weiter labern.
Soll ich Dir das nochmal als Schaubild aufbereiten? Oder nochmal auf ein ähnliches Thema ummünzen? Ich könnte auch ein schönes Gedicht daraus machen...
„15. Not omit necessary details.“
Ja, Menschen haben auch die Fähigkeit, relevante Details zu übersehen, aber KI kann das in meiner Erfahrung wesentlich besser.
Wie häufig bist Du schon mit einer AI-Antwort in eine Sackgasse gelaufen, weil sie sich auf ein anderes Produktmodell oder eine andere Programmversion bezogen hat?
„8. They require that crass stupidities shall not be played upon the reader as “the craft of the woodsman, the delicate art of the forest,” by either the author or the people in the tale.“
Musstest Du auch gerade an Kleister auf Pizza denken?
„14. Eschew surplusage.“
Zu Deutsch: Vermeide unnötige Worte. Vermeide sprachlichen Überschuss.
Auch hier sollte ich mich nicht aus dem Fenster lehnen, ich weiß. Aber es geht hier nicht um meine willfährig-wahnwitzige Wortgewalt, sondern um KI. Wer noch nie ein „Fass Dich kurz“ oder Ähnliches in einem Prompt geschrieben hat (oder sich im Nachhinein gewünscht hätte es getan zu haben), der werfe den ersten Stein.
„12. Say what he is proposing to say, not merely come near it.
- Use the right word, not its second cousin.“
Mark Twain hat vor 130 Jahren einen enormen Weitblick bewiesen, als er auch das Thema Text-Watermarking aufgegriffen hat.
Zu weit hergeholt, sagst Du? Zu dünn diese Analogie?
Finde ich nicht. Dankenswerterweise hat Mark Twain das noch genauer ausgeführt:
„His ear was satisfied with the approximate word. [...] He uses “verbal,” for “oral”; “precision,” for “facility”; “phenomena,” for “marvels”; [...]“
Es folgt eine längere Aufzählung weiterer Wort-Paare – Oder, sollte ich sagen, Token-Paare – bei denen Fenimore Coopers Wortwahl mit der von Mark Twain bevorzugten divergiert.
Vergleich einfach mal, was Mark Twain hier über Coopers Wortwahl schreibt, mit dem was Jason Koebler auf 404media über den stochastischen Token-Tausch der Wasserzeichen-Algorithmen zu sagen hat. Es klingt fast so, als wäre in Coopers Texten genau so ein KI-Wasserzeichen gesetzt worden.
Fans von Fenimore Cooper (oder auch Leute, die auf chronologische Zusammenhänge und sowas achten) werden sicherlich darauf hinweisen, dass die Lederstrumpf-Bücher zwischen 1823 und 1841 veröffentlicht wurden. Cooper hätte seiner Zeit bummelige 200 Jahre voraus sein müssen, um ein KI-System wie Claude mit Text-Wasserzeichen überhaupt einsetzen zu können.
Das spricht durchaus gegen einen KI-Einsatz bei seinen Werken. Solange die Wasserzeichen-API von Anthropic noch nicht verfügbar ist, können wir das nicht prüfen, insofern finde ich die Diskussion, ob es technisch möglich gewesen wäre, müßig.
Ich habe das erste Kapitel von Fenimore Coopers „Deerslayer“ aus dem Gutenberg-Archiv genommen und in das erstbeste KI-Detection-Tool gekippt, das keine Registrierung von mir wollte. Das Ergebnis war ein ‘100% human’. Diese Tools gaukeln uns bestenfalls Sicherheit vor und können auch nicht bewerten, ob und welcher Anteil der Schöpfungshöhe aus der KI stammt und welcher vom Menschen, der die KI bediente. Dass diese KI-Detektion-Tools aber kein Allheilmittel sind, habe ich letzte Woche schon ausführlich dargelegt.
Es ist moralisch und ethisch nicht vertretbar, einem Autor ohne wirklich eindeutige Beweise einfach den Einsatz von KI zu unterstellen. Ich werde entsprechend hier keine Meinung äußern, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ich es finde, dass Fenimore Coopers „Deerslayer“ dreister AI-Slop sein könnte. Ich möchte solche nicht nachgewiesenen, bestenfalls auf Indizien und Vermutungen beruhenden Vorwürfe, nicht unnötig anfachen.