Google steht schon seit geraumer Zeit im Kreuzfeuer des US-Justizministeriums (DOJ) im Rahmen eines weitreichenden Versuches, Googles Monopolstellung zu zerschlagen. Wenn Du Dich näher mit den Details dazu beschäftigen möchtest, findest Du genauere Informationen in diesem Artikel zum DOJ-Verfahren von Behrend.
Der Prozess könnte drastische Konsequenzen für das Unternehmen haben. Eine davon wäre zum Beispiel, dass Google gezwungen werden könnte, seinen Webbrowser Chrome zu verkaufen.
Als Produkt und Bestandteil von Google ist Chrome gar nicht mehr wegzudenken. Mit fast 3,5 Milliarden Nutzer:innen weltweit ist Chrome die meistgenutzte Brücke zum Internet. Sollte Google tatsächlich gezwungen werden, sich von Chrome zu trennen, wäre das ein herber Schlag gegen seine marktbeherrschende Stellung.
Ein Verkauf von Chrome hätte auch einen großen Einfluss auf SEO. Das Unternehmen, das Chrome für sich ergattern kann, hätte einen riesigen Einfluss auf den Suchmaschinenmarkt. Je nachdem in wessen Hände Chrome wandert, könnte die SEO-Welt ganz anders aussehen.
Doch das wirft die Frage auf: Wer würde Chrome überhaupt kaufen?
Auf dem Papier gibt es wahrscheinlich viele Interessenten, doch zwei Namen stechen besonders hervor: OpenAI und Perplexity. Ja, genau, die beiden Unternehmen, die Google mit ihren LLMs generell zunehmend auf den Fersen sind.
Laut eigener Aussage hat Google zwar bisher Suchanfragen an OpenAI verloren, allerdings keine, mit denen Google auch Geld verdient. Dennoch wächst der Einfluss von OpenAI rasant. Es ist daher wenig überraschend, dass das Unternehmen Interesse an Chrome hat.
Tatsächlich arbeitet OpenAI schon länger an einem eigenen Browser, der mit Chrome in Konkurrenz gehen soll. Bereits vor einigen Monaten holte sich das Unternehmen ehemalige Google-Entwickler Ben Goodger und Darin Fisher ins Team. Beide spielten eine zentrale Rolle in der ursprünglichen Entwicklung von Chrome.
Ein Kauf von Chrome würde OpenAI auf einen Schlag Zugang zu einer riesigen Nutzerbasis verschaffen und die Möglichkeit, den Browser mit ihrem eigenen Produkt zu verknüpfen. Damit könnte OpenAI den ersten richtigen KI-Browser schaffen.
Auch Perplexity, das ebenfalls an einem KI-gestützten Sucherlebnis arbeitet, soll Interesse bekundet haben. Nach der kürzlichen Meldung, dass Perplexity ihren eigenen Browser mit aggressiven Tracking und hyper-personalisierten Ads ausstatten will, finde ich die Vorstellung von Chrome in Perplexitys Händen erschreckend dystopisch.
Interessanterweise äußerte das Unternehmen aber, dass es lieber sähe, Google behalte Chrome, als dass der Browser ins Hause der direkten Konkurrenz OpenAI gelangt.
Könnten OpenAI oder Perplexity sich Chrome überhaupt leisten?
Hier wird es knifflig. Schätzungen zufolge dürfte der Marktwert von Chrome bei mindestens 20 Milliarden US-Dollar liegen, wenn Google vom Gericht zum Verkauf gezwungen wird. Anderen Schätzungen nach müsste Chrome mindestens 50 Milliarden US-Dollar wert sein.
Für mich scheinen tatsächlich beides noch konservative Annahmen zu sein. Zum Vergleich: Elon Musk hat 2022 rund 44 Milliarden Dollar für Twitter gezahlt. Ein Unternehmen mit deutlich geringerer Nutzeranzahl und wahrscheinlich wesentlich geringeren Monetarisierungsmöglichkeiten.
Auch wenn man das Geschäft von Elon Musk als maßgebenden Vergleichspunkt anzweifelt, ein realistischer Preis für Chrome könnte noch deutlich über den Schätzungen liegen. Insbesondere angesichts seiner zentralen Rolle im Google-Ökosystem.
OpenAI prognostiziert für das laufende Jahr einen Umsatz von etwa 12,7 Milliarden Dollar. Also weit entfernt von der Summe, die selbst bei niedrigen Schätzungen für einen Chrome-Kauf nötig wäre.
Trotz massiver Investitionen von namhaften Geldgebern ist fraglich, ob OpenAI tatsächlich über die finanziellen Mittel verfügt, um ein Projekt dieser Größenordnung zu stemmen. Insbesondere durch interne Herausforderungen, wie die geplante Umwandlung in ein "for-profit"-Unternehmen, die zusätzliche Ressourcen binden dürfte.
Bei Perplexity sieht es finanziell noch mauer aus. Nach einer kürzlich neuen Fundraiser-Runde wird Perplexity eventuell auf einen Gesamtwert von 18 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das bedeutet, dass das gesamte Unternehmen weniger wert ist als Googles Chrome Browser möglicherweise.
Natürlich würden beide Unternehmen nicht nur durch den Verkauf von Chrome durch Google profitieren. Andere Maßnahmen, die im Raum stehen beim Verfahren, sind zum Beispiel, dass Google Algorithmus Daten öffentlich machen muss. Das alleine wäre ein riesiger Boost für Konkurrenten und für uns SEOs natürlich wesentlich spannender als ein Verkauf.
Auch wenn es noch viele Wege für Google gibt, sich vor dem Verkauf von Chrome zu drücken, so steht dennoch die Frage im Raum: Wer hätte überhaupt das Geld für Chrome? Und wie würde sich SEO durch einen Verkauf potenziell ändern?
Wird Chrome generell an Marktanteil verlieren? Könnte OpenAI mit Zugang zu Chrome Google vom Thron stoßen? Werden ChatBots im Browser dann die neue Art zu suchen und optimieren wir dann bald nur noch dafür? Fragen über Fragen. Was denkst Du?