- Es stimmt, AI Overviews reduzieren Klicks zu Publishern, aber dies ist nur ein Teil der Geschichte und vielleicht nicht das Kernproblem für Dein SEO.
- Du verlierst nicht nur Klicks durch Google, sondern auch Aufmerksamkeit, weil Menschen insgesamt weniger Zeit online verbringen wollen und Social Media immense Aufmerksamkeitsfresser sind, die kaum Referral-Traffic zurückgeben.
- AI Overviews treffen vor allem generische Inhalte, die schnelle Antworten liefern; Du brauchst Alleinstellungsmerkmale wie Originaldaten, eigene Erfahrung, starke Marke oder tiefergehenden Kontext, um relevant zu bleiben.
- Der Klickverlust verschärft sich durch eine Wirtschafts-Welle, die Werbeerlöse drückt und die Zahlungsbereitschaft der Nutzer für Online-Nachrichten weiter sinken lässt.
- Wir müssen SEO produktiver denken und uns nicht nur auf Google konzentrieren, sondern aktiv austauschbaren Content, schlechte Formate, eine fehlende Marke und falsche Themenwahl bei Deinen Inhalten bekämpfen.
Traffic ist auch nur Aufmerksamkeit mit Tracking-Pixel
AI Overviews klauen Publishern Traffic. 😱
Die These ist kurz und knackig. Passt in jedes Panel und macht Puls.
Und sie ist nicht falsch. Natürlich klicken weniger Menschen auf weiterführende Links, wenn der AI Overview schon das Informationsinteresse der breiten Masse abgedeckt hat.
Also: Ja. Googles AI Overviews nehmen Klicks weg.
Aber: Das ist wahrscheinlich nicht die ganze Geschichte. Und vielleicht nicht einmal der interessanteste Teil der Geschichte.
Deutsche nutzen das Internet weniger
Die Postbank Digitalstudie 2026 hat ein paar Zahlen, die ich für SEO spannender finde als die nächste Runde „Google ist böse“. Deutsche sind im Schnitt rund 67 Stunden pro Woche online. Das ist immer noch absurd viel Zeit. Aber weniger als im Vorjahr. Unter 40-Jährige kommen auf mehr als 80 Stunden. Auch schön. Oder erschreckend. Je nach Schlafqualität.
Gleichzeitig wollen mehr Menschen ihre private Internetnutzung einschränken. Nicht, weil sie plötzlich alle wieder Brockhaus lesen. Sondern weil sie Zeit zurückhaben wollen. Weniger Ablenkung. Weniger ständige Erreichbarkeit. Mehr Konzentration.
Bei Älteren geht es stärker um Zeit. Bei Jüngeren stärker um Konzentration und Ablenkung. (Ich bin inzwischen Teil der „Zeit zurückholen“- und weniger der „Konzentrations“-Fraktion. Das musste ja irgendwann passieren.)
Für Publisher ist das mindestens unangenehm.
Denn die Frage ist nicht nur:
„Wie viel Traffic verliert ein Publisher durch AI Overviews?“
Sondern auch:
„Wie viel Aufmerksamkeit ist überhaupt noch übrig, die zu einem Publisher will?“
Bei den Unter-40-Jährigen liegen gezielte Informationssuche, Social Media, YouTube, Streaming, Musik/Podcasts und KI-Suche alle dicht beieinander. Das ist ein ziemlich voller Kühlschrank, in dem irgendwo hinten noch ein journalistischer Artikel steht. Klassische Suche bleibt stark. Google ist immer noch nicht tot.
Menschen suchen Antworten, Unterhaltung, Kontext, Ablenkung, Bestätigung, Inspiration, Produktempfehlungen, Rezepte, Symptome, Routinen, Streit und manchmal sogar Fakten.
Publisher liefern nur einen Teil davon.
Social nimmt sehr viel Aufmerksamkeit. Aber gibt wenig Referral-Traffic. Menschen verbringen Stunden auf Instagram, TikTok, YouTube und LinkedIn. Sie scrollen, schauen, speichern, liken, diskutieren, vergessen. Aber sie klicken nicht auf Deinen Artikel und tauchen dann in Deinem Analytics als dankbarer Referral-Besuch auf.
Vielleicht sollten wir beim nächsten „Google behält die Nutzer bei sich“-Rant kurz durchatmen. Ja, Google tut das. Google macht aus der Suchmaschine eine Antwortmaschine. Das ist für viele Publisher ein Problem. Aber Social macht das seit Jahren. Nur mit schlechterer Faktenlage und besseren Reels.
Von dort kommt nicht "Zero Clicks". Das wäre sachlich zu hart. 1-2% im Trafficmix kommen schon noch. Aber Social frisst viel mehr Aufmerksamkeit, als es zurückgibt. Und für Publisher ist das am Ende fast schlimmer: Die Menschen sind da. Die Themen sind da. Die Empörung ist da. Nur der Besuch auf der Website fehlt.
Als Optimist glaube ich weiter daran, dass Menschen sich informieren wollen. Als Realist glaube ich, dass Viele sich schon ausreichend informiert fühlen. Trotzdem: Menschen haben immer das Bedürfnis informiert zu werden oder zumindest informiert zu sein. Social Media nimmt das Bedürfnis auf. Kann aber journalistische Informationsqualität so wenig ersetzen wie ein AI Overview.
Weniger Google-Klicks sind kein technisches Problem
Für SEO heißt das: Wir dürfen nicht so tun, als wäre ein verlorener Google-Klick automatisch ein technisches Google-Problem.
Manchmal ist es ein Problem mit:
- der Nachfrage
- dem Content-Format
- dem (journalistischen) Produkt
- der Marke
Und manchmal ist der Content einfach Commodity-Masse, die jetzt von einer Maschine zusammengefaltet wird.
Das klingt hart. Ist aber operativ hilfreich.
Wenn Dein Content Commodity ist, dann ist das eine hilfreiche Analyse.
Denn bei AI Overviews verlieren vor allem Inhalte, die schnelle, generische Antworten liefern. Definitionen. Einfache Erklärungen. Standardratgeber. „Was ist X?“-Texte. Alles, was früher schon nur deshalb Traffic bekam, weil Google noch einen Klick brauchte, um eine Antwort auszuliefern.
Diesen Klick braucht Google immer seltener. Also brauchst Du einen anderen Grund, warum jemand trotzdem kommt.
Originaldaten. Eigene Erfahrung. Lokaler Kontext. Werkzeuge. Vergleichbarkeit. Meinung mit Substanz. Transaktion. Marke. Community. Newsletter. Wiederkehr. Dinge, die nicht in drei Sätzen zufriedenstellend erledigt sind.
Das ist nicht GEO-Gelaber und Voodoo. Das ist ziemlich gut abgehangenes SEO mit weniger Ausreden.
Wir müssen Query-Sets sauberer trennen:
- Informations-Queries mit schneller Antwort? --> Gefährdet.
- Vergleichs-Queries mit echter Entscheidung? --> Interessant.
- Transaktionale Queries? --> Weiterhin wertvoll.
- Brand Search? --> Wichtiger denn je.
- Local News oder Nischen-Neuigkeiten? --> Super relevant.
- National News? --> Harter Wettbewerb, weniger Traffic, weil viel Material zum Zusammenfassen da ist.
- Content, der nur existiert, weil Suchvolumen danebensteht? Schwierig.
Abgesehen davon betreffen AIOs für Publisher nur einen Bruchteil des Traffics, den Evergreen-Teil:
- Discover ist nicht betroffen
- News-Themen sind kaum betroffen
- Politische Streitthemen sind weniger betroffen
- Brand ist nicht betroffen
Trotzdem sind Traffic-Reduktionen (insbesondere bei weniger tagesaktuellen Publishing-Modellen real).
Und trotzdem braucht Google Publisher. Ohne Publisher fehlen die glaubwürdigen Fakten. Ohne die Fakten gibt es keine verlässliche Zusammenfassung.
Und natürlich: Solange Google Geld mit Klicks verdient, muss Google User zum Klicken auch auf organische Links motivieren. Klicken Menschen nicht mehr auf organische Links, klicken sie auch nicht mehr auf Werbung.
Zur Traffic-Tragödie kommt aber noch die Wirtschafts-Welle
Wirtschaftliche Entwicklung passiert in Zyklen. Nach jedem Hoch kommt ein Tief. Da sind wir gerade.
Das macht die Situation noch schwieriger. Werbepreise sind im Keller.
Menschen spüren wirtschaftlichen Druck und das Zeitungsabo (vor allem online) ist schneller gekündigt als Netflix. Denn wenn meine Stimmung mies ist, dann will ich wenigstens was Lustiges (oder Blutiges) streamen.
Wenn nur ein kleiner Teil der Menschen für Online-News zahlt, wenn Werbeerlöse unter Druck stehen und wenn Menschen Geld, Zeit und Aufmerksamkeit knapper verteilen, dann wird jeder verlorene Besuch teurer.
Der Reuters Institute Digital News Report 2025 nennt für Deutschland weiterhin eine niedrige Zahlungsbereitschaft für Online-Nachrichten. Parallel zeigt das GfK-Konsumklima, dass viele Haushalte bei Ausgaben vorsichtig bleiben. Das ist keine direkte Erklärung für weniger Google-Traffic. Aber es ist der Kontext, in dem Publisher jeden verlorenen Klick erklären müssen.
Wir müssen SEO produktiver denken
Das aktuelle Problem ist also nicht:
„AI Overviews klauen Publishern den Traffic.“
Sondern:
„Publisher verlieren an drei Fronten gleichzeitig: Google gibt weniger Klicks ab. Social gibt Aufmerksamkeit nicht zurück. Und Nutzer werden knausriger mit Zeit, Geld und Konzentration.“
Das ist weniger griffig. Aber näher an der Realität.
Und für SEO ist das eine produktivere Formulierung:
Gegen „Google ist böse“ kannst Du wenig tun.
Gegen
- austauschbaren Content,
- schlechte Formate,
- fehlende Marke
- und falsche Themenwahl
kann man etwas machen.
Davon sind Menschen noch nicht motiviert mehr Zeit auf Deiner Seite zu verbringen. Aber ohne diese Initiative hast Du den Kampf schon verloren.
Es reicht nicht nur rumzupöbeln.
Auch wenn das manchmal kurz guttut gut tut.