Bevor jetzt das zwangsläufige “aber” kommt, möchte ich ein paar Dinge vorwegnehmen. Mit 30 Jahren möchte ich mich noch nicht zum Stereotyp “Alter, weißer Mann” zählen, welchen viele (teilweise berechtigte) Vorurteile anhaften. Darüber hinaus ist mir die durchaus zyklische Natur der Kritik an den heranwachsenden Generationen bekannt.
Es geistert ja auch durchs Netz, dass auch Sokrates vor knapp 2.500 Jahren schon geschrieben (oder von Platon übernommen) haben soll : „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer“. Wenn man danach sucht, findet man auch noch ältere Beispiele, bis zu 5.000 Jahre alt.
Ich will damit sagen, dass mir bewusst ist, dass ich mir der Gefahr bewusst bin, mich einer mentalen Reihe Lemminge anzuschließen. Das hilft mir nicht, das Gefühl loszuwerden, durch das Schreiben dieses Artikels nicht am Ende dazustehen wie der alte Opa Simpson.
Trotzdem möchte ich meine Gedanken mit Dir teilen. In letzter Zeit sind mir immer häufiger Artikel zur Literaturkompetenz der jungen Generationen begegnet. Zu meiner Schande finde ich den genauen Artikel nicht mehr wieder, der diesen Gedankengang ausgelöst hat. Aber auf Reddit wurde ein Artikel geteilt, in dem es darum ging, dass Jugendliche Probleme hätten, Texte von 600 Wörtern oder mehr zu verfassen (mein Gedächtnis sagt diese Ziffer, bitte nagel mich darauf fest). Vom O-Ton ähnliche Artikel zum Thema Lese- und Schreibkompetenz von Gen Z finden sich viele.
Meine initiale Reaktion darauf war: “600 Wörter? Das sind ja nicht mehr als ein paar Tweets!” Was mich vermutlich relativ gut generationentechnisch einordnet. Ich möchte jetzt aber weniger diskutieren, ob und wenn ja, wie es eine Entwicklung in der Gen Z in diese Richtung gibt. Viel mehr geht es mir darum, inwiefern wir als SEOs vor einer ähnlichen Herausforderung stehen oder zumindest aufpassen müssen, auch einer solchen Entwicklung anheim zu fallen. Denn als Experten für SEO oder generell Online Marketing setzen wir uns viel mit Dingen auseinander, die oft als Gründe dafür herangeführt werden. Generative AI, AI Overviews, AI Assistants, Social Media.
Ketzerisch gefragt: Wie lange können wir am Rande des Abgrunds wandeln und hineinsehen, bis der Abgrund zurückblickt (frei zitiert nach Nietzsche)?
Beispiel: Natürlich kann ich mir die Google Quality Rater Guidelines selbst durchlesen, oder den Twiddler Quick Start Guide. Dafür muss ich aber den inneren Schweinehund überwinden, ein 15-Seiten Dokument zu lesen, anstatt einfach meine Lieblings-KI zu beauftragen, das Wichtigste zusammenzutragen. Nun gab es natürlich auch vor den Zeiten von AI schon Zusammenfassung für solche Themen, z.B. Artikel von Kollegen aus der SEO-Szene. Aber neben diesem Trampelpfad (für den ich immer noch einen Artikel lesen muss) habe ich jetzt auch noch eine automatisierte Planierwalze, die mir einen noch leichteren Weg suggeriert.
Ein Stück weiter weg vom Arbeitskontext: Mit etwas Überlegenheit im Ton hab ich von gleichaltrigen schon öfter gehört: “TikTok benutze ich ja nicht.” Auch mir gefällt der Gedanke, dem so passend betitelten “Brainrot” noch nicht verfallen zu sein. Aber wenn ich komplett ehrlich bin, nagen YouTube Shorts und Instagram Reels auch an meiner Aufmerksamkeitsspanne. Und Bücher lesen erfordert mehr aktive Konzentration als noch vor ein paar Jahren.
Marie Le Conte hat in ihrem sehr empfehlenswerten Artikel “11 Things I hate about AI“ geschrieben:
“Essentially: there are a lot of things in life you can only get good at by doing them, again and again. If you stop doing them, you will become bad at them again.”
Ich finde, sie trifft damit den Nagel auf den Kopf. Sie verwendet als Beispiel das Kopfrechnen, für mich betrifft es aber genauso das Leseverständnis und auch das Schreiben. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, unsere Ideen und Konzepte ausreichend gut zu formulieren, wie sollen wir sie dann noch transportieren?
Appell ist ein großes Wort, aber anregen möchte ich schon: auch in Zeiten von AI Overviews, Blinkist-Buchzusammenfassungen oder von Gemini komprimierten Mailverläufen (so hilfreich sie manchmal auch sind) sollten wir uns regelmäßig bewusst für das eigenständige Lesen und das eigenständige Schreiben entscheiden.