Du hast eine klare Roadmap, definierte Ziele, ein starkes Setup. Und trotzdem läuft es nicht rund: Entscheidungen ziehen sich, Abstimmungen drehen sich im Kreis, Aufgaben verpuffen irgendwo zwischen Slack und Ticketsystem.
Oft liegt es nicht an der Strategie, sondern am Zusammenspiel. Genauer: an psychologischen Denkfehlern, die sich in der Teamdynamik einnisten. Meist unbewusst, aber mit spürbarer Wirkung.
Wie bei meinen letzten Newsletter-Beiträgen, zeige ich dir im Folgenden wieder fünf typische Biases auf. Dieses Mal geht es um Biases, die die Zusammenarbeit erschweren sowie Ideen, was Du dagegen tun kannst:
1. Groupthink – wenn alle nicken, aber keiner denkt
In Gruppen tendieren Menschen dazu, sich der Mehrheit anzuschließen, um Konflikte zu vermeiden oder dazuzugehören. Kritische Stimmen fehlen oft aus Angst, „querzudenken“.
Beispiel: Im Strategie-Meeting schlägt jemand eine SEO-Offensive vor. Obwohl Du Zweifel hast, sagst Du nichts. Alle anderen sind schließlich dafür.
Oder: Ein Stakeholder drückt ein neues Website-Feature durch. Das Team nickt ab, obwohl niemand es wirklich versteht oder hinterfragt.
🔍 Was passiert? Kritik und Alternativen fehlen, obwohl sie nötig wären. Schlechte Entscheidungen werden kollektiv getragen und keiner fühlt sich verantwortlich.
🛠️ Was hilft?
- Rollen definieren: Wer übernimmt bewusst die „kritische Brille“?
- Alternativen einfordern: „Was wäre ein gegenteiliger Vorschlag?“
- Entscheidungen erst nach einer Denkpause treffen, nicht sofort im Meeting.
2. Diffusion of Responsibility – jemand anderes macht’s schon
Ein Problem ist erkannt, alle nicken, aber niemand übernimmt. Oder: Viele sind beteiligt, aber keiner fühlt sich zuständig. Willkommen in der Verantwortungsdiffusion.
Beispiel: Ein SEO-Audit ergibt dringenden Handlungsbedarf, aber keiner im Team setzt den ersten Schritt um, weil „das ja sicher jemand anderes auf dem Schirm hat“.
Oder: In einem Slack-Thread wird eine wichtige Entscheidung angesprochen. Alle lesen mit, aber keiner antwortet. (Das soll es ja in den besten Agenturen geben ;)
🔍 Was passiert? Je mehr Leute involviert sind, desto eher denkt jeder: „Das macht bestimmt jemand anderes.“
🛠️ Was hilft?
- Klartext: „Wer übernimmt was bis wann?“ – nicht vage, sondern verbindlich.
- Sichtbarkeit schaffen: Aufgaben und Zuständigkeiten offen dokumentieren.
- Verantwortungsübergabe aktiv aussprechen, statt auf Selbstorganisation hoffen.
3. Projection Bias – Du denkst, alle ticken wie Du
Du unterstellst anderen Deine eigenen Vorlieben, Meinungen oder Prioritäten und verbaust Dir so die objektive Einschätzung ihrer Bedürfnisse.
Beispiel: Du liebst detaillierte Whitepaper, also glaubst Du, Deine Zielgruppe wolle das auch. Dass sie in Wahrheit eher visuelle Inhalte bevorzugt, kommt Dir nicht in den Sinn.
Oder: Du findest eine Landingpage intuitiv und überträgst das automatisch auf alle Nutzer und Nutzerinnen, ohne Tests.
🔍 **Was passiert?**Wir projizieren unser Denken, unser Tempo, unsere Arbeitsweise auf andere und erwarten unbewusst, dass sie genauso funktionieren.
🛠️ Was hilft?
- Unterschiedliche Arbeitsstile explizit besprechen.
- Erwartungen klären, bevor Missverständnisse entstehen.
- In Retros oder 1:1s gezielt fragen: „Was brauchst Du, um gut arbeiten zu können?“
4. Hindsight Bias – hinterher ist man immer klüger (und härter)
Rückblickend erscheint alles logisch und vorhersehbar, was dazu führt, dass man frühere Entscheidungen zu hart beurteilt.
Beispiel: Nach einem Rankingverlust sagst Du: „Das hätte man kommen sehen müssen.“ Dabei war es zum damaligen Zeitpunkt alles andere als eindeutig.
Oder: Du bewertest vergangene Maßnahmen als „Fehlschlag“, obwohl die Entscheidung auf Basis der damaligen Daten nachvollziehbar war.
🔍 Was passiert? Im Nachhinein erscheint alles logischer, als es in der Situation war. Das führt zu ungerechter Kritik oder vorschnellen Schuldzuweisungen.
🛠️ Was hilft?
- Statt Fehlern: Lernpunkte herausarbeiten.
- Projektdokumentationen mit Entscheidungslogik zu dem Zeitpunkt festhalten.
- In der Nachbesprechung bewusst sagen: „Damals hatten wir folgende Infos, aus heutiger Sicht sieht das anders aus.“
5. Mere Exposure Effect – Bekanntes wirkt besser
Je öfter wir etwas sehen oder benutzen, desto positiver bewerten wir es. Selbst wenn es objektiv bessere Alternativen gäbe.
Beispiel: Du bevorzugst eine bestimmte Struktur für Landingpages, weil Du sie oft gesehen hast. Nicht, weil sie besser performt.
Oder: Du entscheidest Dich bei der CMS-Auswahl für WordPress. Nicht, weil es objektiv am besten zu Eurem Projekt passt, sondern weil Du es schon am häufigsten gesehen hast. Headless-Optionen oder spezialisierte Lösungen ignorierst Du, obwohl sie passender wären.
🔍 Was passiert? Neue Vorschläge oder Ideen werden unterschwellig abgewertet – nicht weil sie schlechter sind, sondern weil sie neu und ungewohnt wirken.
🛠️ Was hilft?
- Bewusst Raum für neue Optionen schaffen, auch wenn sie ungewohnt erscheinen.
- Entscheidungsrunden so gestalten, dass Alternativen nicht sofort bewertet, sondern erst neutral vorgestellt werden.
- Alte Lösungen regelmäßig hinterfragen: "Nutzen wir das, weil es gut ist oder nur, weil wir es kennen?"
Fazit: Teamarbeit ist mehr Psychologie als Prozess
Wenn Du das Gefühl hast, dass im Projekt nicht das Fachliche hakt, sondern das Miteinander, dann lohnt sich der Blick auf die psychologischen Muster dahinter. Denn viele Reibungen sind keine persönlichen Konflikte oder organisatorischen Lücken. Sondern automatische Denkfehler, die Du mit etwas Achtsamkeit abfedern kannst.
Frag Dich (und Dein Team) regelmäßig:
- Was wird gerade nicht gesagt, obwohl es wichtig wäre?
- Wo verlässt sich jeder auf den anderen, ohne Klarheit zu schaffen?
- Wo halten wir an Dingen fest, obwohl sie uns ausbremsen?
Denn gute Zusammenarbeit entsteht nicht durch perfekte Prozesse, sondern durch ehrliches Hinschauen, bewusstes Kommunizieren und gegenseitiges Verständnis.
💡 Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zu kognitiven Verzerrungen im Online Marketing. Im letzten Teil ging’s um Kommunikation und wie Denkfehler Deine Wirkung trüben. Im nächsten und letzten Beitrag schauen wir auf ein besonders gefährliches Phänomen: Warum Experten besonders anfällig für Denkfehler sind und wie Du Dein eigenes Fachwissen besser einordnest.