Tldr: Es ist mit Einschränkungen möglich, aber nicht zu empfehlen. Gendern mit Genderzeichen (Sternchen, Slash, Unterstrich etc.) ist hingegen weder barrierefrei noch ratsam für SEO.
Wie Anita in ihrem Artikel schon gesagt hat: Es sind nur noch etwa 1,5 Jahre bis zum Anwendungsbeginn des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes (BFSG). Spätestens dann muss Deine Webseite barrierefrei sein. Meiner Meinung nach wird daher Accessibility eines der großen SEO-Themen 2024.
Aber auch andere Fragestellungen werden mich und Dich 2024 weiterhin begleiten - zum Beispiel das Thema Gendern. Deswegen möchte ich heute einen Blick darauf werfen, inwiefern gendern, Barrierefreiheit und SEO zusammenpassen. Aber Stück für Stück:
1\. SEO und Gendern
Ich persönlich finde es gut, wenn Sprache inklusiv ist und wir durch unsere Wortwahl nicht ausgrenzen. Veruska Anconitano beschreibt in ihrem Artikel "Language Inclusivity in Multilingual SEO" sehr gut, wie Du zum Beispiel Genderneutralität oder kulturelle Diversität sprachlich auf Deiner Webseite umsetzen kannst.
Ich möchte die Aussagen dieses Artikels um einen Blick auf die SEO-Probleme, die durch inklusive Sprache entstehen, ergänzen. Denn in der SEO führt uns das Nicht-Ausgrenzen-Wollen leider an Grenzen.
"From an SEO perspective, adopting gender-neutral language can extend content reach and anticipate shifts in search behaviour, improving search engine rankings."
Die Betonung muss hier auf "can" liegen, denn insbesondere im Deutschen landet Dein Term in der Regel nicht im Index, wenn Du ihn nicht konkret bedienst.
Nutzt Du Gendervarianten wie Binnenmajuskel ("RedakteurIn") oder Trennzeichen ("Redakteur:in", "Redakteur/in", "Redakteur_in" etc.) kann das aktuell immer noch dazu führen, dass Du zum Beispiel nur für eine Variante rankst. (Zur vertiefenden Lektüre: "Richtig gendern im SEO")
SEO-sicher bist Du daher nur unterwegs, wenn Du beide Formen auf Deiner Webseite nutzt. Mit der weiblichen und männlichen Form sprichst Du allerdings non-binäre Menschen nicht direkt an. Veruska Anconitano empfiehlt daher:
"An even better approach would be to find the most culturally appropriate and sensitive term to broaden our content's appeal and make it even more inclusive, for example by using a gender-neutral term
Im Sinne der sprachlichen Inklusion ist dieser Ansatz auch meiner Meinung nach der beste. In der SEO ist es aber leider der ungünstigste. Denn, nutzt Du nur genderneutrale Begriffe ("Redaktion") anstelle der männlichen oder weiblichen Form, landet Dein Text nicht im Index für die männliche ("Redakteur") oder weibliche ("Redakteurin") Form.
Wenn Du gendern möchtest, dann nutze also am besten beide Formen in Deinem Text ("Redakteur und Redakteurin").
2\. SEO und Barrierefreiheit
Hinsichtlich der Barrierefreiheit von Texten gibt es in den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) eine klare Regel:
Success Criterion 3.1.5 Reading Level (Level AAA)
"When text requires reading ability more advanced than the lower secondary education level after removal of proper names and titles, supplemental content, or a version that does not require reading ability more advanced than the lower secondary education level, is available."
Falls Du jetzt kurz Panik bekommen hast, weil Du denkst, Du müsstest Deine Webseite 2025 in Leichter Sprache zur Verfügung stellen, kann ich Dich beruhigen: Leichte oder Einfache Sprache wird nicht verpflichtend. Das gilt übrigens für sämtliche WCAG-Kriterien des Levels AAA.
Wenn Du aber größtmögliche Barrierefreiheit erreichen möchtest, kommst Du nicht drum herum, Anpassungen an der Sprache Deiner Texte vorzunehmen. Und auch aus SEO-Sicht ist das zu begrüßen.
Veruska Anconitano:
"From an SEO perspective, accessibility can also enhance a website's ranking, as search engines favour sites that provide a superior user experience. Implementing accessibility features like alt text for images, video captions, and clear, straightforward language can make your content more inclusive and SEO-friendly."
Dem kann ich nur zustimmen. Für die Deutsche Sprache ist hinsichtlich "clear, straightforward language" die Unterscheidung zwischen Leichter und Einfacher Sprache notwendig. Leichte Sprache richtet sich an Menschen mit kognitiven Einschränkungen wie zum Beispiel Lernschwierigkeiten. Einfache Sprache ist hingegen eine optimierte Version unserer Standardsprache und unterliegt weniger Regeln.
Falls Du Dich für die jeweiligen Regelwerke interessierst:
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Das Netzwerk Leichte Sprache e.V. hat in Zusammenarbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten ein Regelwerk für Leichte Sprache entwickelt (dessen Lektüre ich absolut empfehle).
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2023 wurde mit der ISO 24495-1:2023-06 auch die erste Norm für Einfache Sprache veröffentlicht. Für die Deutsche Sprache gibt es aktuell den Regelwerksentwurf zur DIN 8581-1. Beide Regelwerke sind allerdings derzeit nur kostenpflichtig erhältlich.
Wenn sich Deine Webseite nicht speziell an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen richtet, reicht es also aus, wenn Du Dich mit Einfacher Sprache vertraut machst. Die wichtigsten Grundsätze hierbei sind:
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Keine Fremdwörter
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Schwierige oder lange Wörter erklären
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Abkürzungen ausschreiben
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Keine Synonyme nutzen
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Möglichst kurze Sätze
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Eindeutige Aussagen (also zum Beispiel keine Ironie)
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Aktiv statt passiv schreiben
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Negationen vermeiden ("Ich bin glücklich" statt "Ich bin nicht unglücklich").
Inwiefern hilft das jetzt der SEO? Je besser Menschen Deine Webseite verstehen, desto besser interagieren sie mit ihr. Das wirkt sich positiv auf User-Werte aus (zum Beispiel eine geringere Bounce Rate oder eine längere Time on Site) und nachhaltiger ist es auch.
3\. Gendern und Barrierefreiheit
Ist es möglich, barrierefrei zu gendern? Ganz klare Antwort: It depends.
Nicht zu empfehlen sind Schreibweisen mit Binnenmajuskeln oder Trennzeichen. Das liest sich schlecht und kann verwirren. Für Menschen, die auf Screenreader angewiesen sind, sind Genderzeichen ebenfalls problematisch, da sie mit vorgelesen werden, was den Lesefluss stört. Besonders schlecht ist dabei der Gender-Doppelpunkt. Denn da dieser auch ein "normales" Satzzeichen ist, lesen ihn einige Screenreader nicht vor. Dadurch entsteht dann der Eindruck, dass der Satz zu Ende ist. (Weitere Informationen dazu führt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. im Artikel "Gendern" auf.)
Wenn Du barrierefrei gendern möchtest, dann solltest Du also auf Genderzeichen verzichten und stattdessen genderneutrale Begriffe verwenden, um alle Geschlechter anzusprechen. Wenn es keinen allgemeinverständlichen neutralen Begriff gibt, kannst Du auch die männliche und weibliche Form nutzen. Am besten ist es dann auch tatsächlich die männliche Variante zuerst zu nennen, weil diese in unserem Sprachgebrauch geläufiger ist und damit einfacher verstanden wird.
Fazit: SEO, Gendern und Barrierefreiheit
Zusammenfassend ist festzuhalten:
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Gendern ist im SEO nicht so einfach. Aktuell solltest Du daher den Term, für den Du ranken möchtest, auch in Deinem Text verwenden. Nur so kannst Du sicher sein, dass das auch wirklich im Index landet.
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SEO und Barrierefreiheit geht Hand in Hand: Gut verständliche Texte wirken sich positiv auf die User Experience aus.
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Barrierefrei gendern ist möglich, wenn Du genderneutrale Sprache nutzt und dabei darauf achtest, dass Deine Begriffe und Sätze den Empfehlungen für einfache Sprache folgen.
Aus all dem folgt: Suchmaschinenoptimiert und barrierefrei gendern ist möglich, aber schwierig. Derzeit kannst Du nur barrierefrei gendern, wenn Du auf Genderzeichen verzichtest. Entscheidest Du Dich, die männliche und weibliche Form zu verwenden, schließt Du Menschen, die sich weder als männlich oder weiblich identifizieren, aus. Mit genderneutralen Begriffen ("Redaktion") sprichst Du diese Gruppe zwar an, rankst dann aber eher nicht für die dazugehörigen Terme ("Redakteur", "Redakteurin").
Um also in einem suchmaschinenoptimierten Text alle Geschlechter barrierefrei anzusprechen, solltest Du die männliche und weibliche Form nutzen. Um zu verdeutlichen, dass Du trotzdem alle Geschlechter ansprichst, empfehle ich, Deinen Text um einen einleitenden Satz zu ergänzen, der erklärt, dass mit der Beidnennung alle Geschlechter gemeint sind - nicht nur männlich und weiblich.
Hast Du weitere Ideen dazu? Dann schreib mir.