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Geschäftsführender Gesellschafter

Lara hat neulich über Entscheidungsmüdigkeit und möglichen Umgang damit geschrieben.

Die Überschrift hat mich an eine der hilfreichsten Perspektiven, die ich kennengelernt habe, erinnert:

Laras Überschrift war:

Warum Du nachmittags keine guten Entscheidungen mehr triffst (und was Du dagegen tun kannst)

Die für mich entscheidende Frage ist dabei aber nicht, ob ich vormittags oder nachmittags entscheide und auch nicht, was ich dagegen tun kann. Die entscheidende Frage für mich ist:

Was ist eine gute Entscheidung?

Ich glaube fest daran: Bei der Bewertung von Entscheidungen müssen wir unterscheiden:

1. Entscheidungsergebnis

2. Entscheidungsprozess

Das Ergebnis kann rückblickend gut oder schlecht sein. Eine Entscheidung können wir aber nur aus dem Informationsstand bewerten, den wir zum Zeitpunkt der Entscheidung hatten.

Oft steht man vor einer Webseite und fragt sich: „Wer hat denn die Entscheidung getroffen, das so zu bauen?“ Oder der Klassiker: „Wer hat die Entscheidung getroffen, die URLs zu ändern, ohne Redirects zu setzen?“

Was wir bei der Beurteilung von außen aber nicht vergessen dürfen: Wir haben keine Informationen über den Informationsstand und den Prozess, der zu dieser Entscheidung geführt hat. Das Schlimmste aber: Wir wissen nicht, welche Zielprioritäten der Entscheidung zugrunde liegen.

Kurz: Wir wissen nicht, ob die Redirects weggelassen wurden, wegen:

  • Unwissenheit („Ich hab noch nie von Redirects gehört“)
  • Ignoranz („Hab gelesen, dass Redirects wichtig sein sollen, aber das ist mir egal“)
  • Priorisierung („Ich weiß, dass Redirects wichtig sind und dass es Performance kosten kann, sie nicht zu implementieren, aber ich entscheide mich bewusst gegen die Implementierung, weil (Zeitdruck|Dev-Ressourcen|Verschlechterung Server Performance bei gegebenem Aufwand|Umsetzungsaufwand höher als Umsatz durch Implementierung|…)“

Wir wissen außerdem nichts über den Prozess:

  • Wer war an der Entscheidung beteiligt?
  • Wer ist verantwortlich, die Entscheidung zu treffen?
  • Wer hat die Entscheidung wirklich getroffen?
  • Wer ist verantwortlich für den Bereich?
  • Ist die Ursache für das Fehlen der Redirects eine bewusste Entscheidung? Oder wurde entschieden, dass Redirects da sein sollten, aber aus irgendeinem Grund wurde das nicht (oder fehlerhaft) implementiert und live gestellt.

Wir müssen also vorsichtig bei der Bewertung von Entscheidungen sein, wenn wir keine Kenntnis über Ziele, Informationsstand und Entscheidungsprozess haben. Nur Idioten beurteilen eine Entscheidung allein nach dem Ergebnis (und ja: Auch ich bin regelmäßig ein Idiot. Aber ich bemühe mich, es seltener zu sein).

Wie treffen wir also selbst bessere Entscheidungen?

Wenn es keine perfekten Entscheidungen gibt: Wie treffen wir dann bessere Entscheidungen?

Wie läuft es normalerweise?

Hier steht eine Entscheidung an: Gibt es eine Alternative? Ja, ne. Wir bleiben bei der ersten Option. Meistens sind wir zu diesem Zeitpunkt schon in eine Variante verliebt.

Früher entscheiden

Jede Entscheidung ist aber immer ein Verzicht auf andere (auch abwegige) Optionen.

Je früher wir entscheiden, desto mehr Zeit haben wir, die Entscheidung durchzuziehen. Je länger wir versuchen, mehr Fakten zu sammeln, desto weniger Zeit haben wir für die Umsetzung. Je länger wir warten, desto geringer wird unser Entscheidungsspielraum.

Geschwindigkeit ist aber kein Selbstzweck. Die Priorität der Entscheidung ist entscheidend.

Wir als Consultants kennen das. Denn unsere Aufgabe ist es, mit unseren Kunden bessere Entscheidungen zu treffen. Und gerade im SEO treffen wir Entscheidungen mit einem hohen Maß an Unsicherheit.

Priorität der Entscheidung klären

Es gibt dabei wichtige und unwichtige Entscheidungen. Und es gibt endgültige und reversible Entscheidungen. Amerikaner nennen das one door/two doors decisions.

Wir können uns für unsere (ja, auch SEO-) Entscheidungen eine einfache Matrix bauen:

Die dargestellte Matrix kategorisiert Entscheidungen nach ihrer Wichtigkeit (gering vs. hoch) und Reversibilität (2-Tür vs. 1-Tür).
2-Tür-Entscheidungen (reversibel): Bei geringer Wichtigkeit sollte sofort gehandelt werden ("ASAP"), bei hoher Wichtigkeit zügig, aber mit Bedacht.
1-Tür-Entscheidungen (irreversibel): Auch bei geringer Wichtigkeit ist sorgfältiges Abwägen geboten. Bei hoher Wichtigkeit ist höchste Präzision und Sorgfalt unerlässlich.

2-Tür + Low Importance: „Löschung Twitter-Cards-Markup“ → ASAP

1-Tür + Low Importance: „Ich gebe mein Restbudget dieses Jahr für $Maßnahme aus“ → Schnell, aber mit Mini-Check

2-Tür + High Importance: „URL-Schema ändern“ → Schnell, aber gut durchdacht

1-Tür + High Importance: „Domain ändern / Migration CMS“ → Tiefgreifende Analyse + Entscheidungsfindung

Wie Du siehst, geht es (mir) bei der Wichtigkeit und „Türigkeit“ nicht darum, ob dabei Kosten entstehen. Natürlich entstehen Kosten dadurch, dass wir das URL-Schema zurückändern und wahrscheinlich wird die Performance etwas geringer sein. Aber bei der Frage nach 1 oder 2 Türen geht es eher darum, ob die Entscheidung prinzipiell reversibel ist. Und das trifft auf fast alle Entscheidungen zu. Wir dürfen also mutiger werden.

Vorgehen bei der Entscheidungsfindung

In Fällen von höchster Präzision, aber auch bei „schnell, aber durchdacht” brauchen wir einen Entscheidungsprozess, der nachvollziehbar ist und der dafür sorgt, dass wir bewusst und reflektiert entscheiden. Vor allem aber, dass wir jederzeit sagen können: Diese Entscheidung haben wir aus diesen Gründen getroffen.

Regel Nummer 1: Schreib mit beim Entscheiden!

  • Welche Informationsbasis hat zu der Entscheidung geführt? (Gerne konkrete Datensätze / Rohdaten irgendwo hinlegen)
  • Welche Alternativen wurden ausgeschlossen und warum?
  • Wann haben wir entschieden/mit der Umsetzung begonnen?
  • Wer hat mitentschieden?

Dokumentation hilft Dir / Uns zu einem späteren Zeitpunkt Entscheidungen zurückzuverfolgen und zu klären, warum etwas wie entschieden wurde.

Und Du kannst (wenn Jemand fragt) auf das Memo verweisen und sagen:

Wir haben uns für eine schnelle Entscheidung entschieden, weil wir davon ausgehen mussten, dass 123. Daher haben wir auf tiefergehende Datenerhebung verzichtet und auf Basis von 234 entschieden, dass…

Regel Nummer 2: Keine Entscheidung ohne Ziel

Bevor wir eine Entscheidung treffen können, brauchen wir Klarheit darüber, was entschieden werden soll. Was ist das Ziel der Entscheidung oder das Problem, das gelöst werden soll?

Vergegenwärtige Dir noch einmal die Problemstellung:

  • Worum geht es konkret?
  • Wie kam es zu diesem Punkt?
  • Bis wann musst Du eine Entscheidung treffen?

Was sind die Risiken?

  • Ist die Entscheidung endgültig oder können wir sie (mit vertretbaren Kosten) überarbeiten?
  • Was passiert, wenn wir uns entscheiden, nichts zu entscheiden?
  • Was passiert Worst Case?

Lohnt der Aufwand?

  • Wie viel Aufwand ist in diese Entscheidung sinnvoll investiert?

Danach wissen wir, wer entscheiden kann und beteiligt werden sollte.

Für den letzten Punkt gibt es ein schönes „Gesetz“: Fredkins Paradox besagt:

The more equally attractive two alternatives seem, the harder it can be to choose between them—no matter that, to the same degree, the choice can only matter less.

Wir dürfen also kritisch hinterfragen, wie viel Aufwand wir investieren wollen.

Außerdem müssen wir uns immer fragen:

Wird die Entscheidungsfindung teurer, als der Schaden, den wir abwenden, oder der Nutzen, den wir generieren wollen?

Wenn die Entscheidungsfindung teurer wird, als der Nutzen, dann sollten wir eine Münze werfen und uns um Entscheidungen kümmern, die uns wirklich weiterbringen.

Regel Nummer 3: Was sind die Alternativen?

Welche Handlungsalternativen haben wir? Es gibt immer Alternativen. Vielleicht erscheinen sie im ersten Moment teuer, absurd oder trivial. Aber wenn wir Entscheidungen treffen wollen, dann brauchen wir Alternativen. Wenn wir keine unterscheidbaren Alternativen haben, können wir keine Entscheidungen treffen.

Wir müssen mindestens drei Alternativen haben:

1. Nichts ändern

2. Alternative A

3. Alternative B

Warum 3? Weil wir sicherstellen wollen, dass wir unsere Liebe in die erste Idee mit Fakten hinterfragen. Im Entscheidungsprozess sorgen alle möglichen Biases für Probleme. Die Liebe für die erste Idee und die Tendenz zu Handlung sind zwei davon. Mindestens 3 Alternativen zu haben gibt uns das Gefühl von echter Auswahl. Deswegen ist „Bewahrung des Status Quo“ Nichtstun auch immer eine Alternative. Auch die Entscheidung zu einem späteren Zeitpunkt (= temporäres Nichtstun) sollte eine Option sein.

Wenn Wingmenschen Entscheidungen von mir wollen, dann erwarte ich immer drei Alternativ-Vorschläge. Die billigste Variante, die beste Variante und den Preis-Leistungssieger.

Wenn wir unsere Alternativen mindestens grob gegenübergestellt haben, müssen wir sie bewerten. Bei 1-Tür-Entscheidungen sollten wir diese Kriterien vor der Ausarbeitung der Alternativen festlegen. Bei 2-Tür-Entscheidungen schadet das sicherlich auch nicht.

Regel Nummer 4: Aufwand und Folgen unbiased betrachten

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Und man kann auch nicht nicht unbeeinflusst sein.

Aber wir müssen die Beeinflussung im Zaum halten.

Für jede Alternative erstellen wir eine Funktions- und Aufwandsschätzung. Mal kann die eher oberflächlich sein. Manchmal gehen wir hier seitenweise in die Tiefe. Das hängt von der Wichtigkeit und der Komplexität der Entscheidung ab. Wenn wir vor der Entscheidung stehen, wie wir mit der Indexierung unserer Produktseiten in Zeiten von KI umgehen:

  • Sperrung/Noindex aller PDP
  • Sperrung/Noindex aller Varianten
  • Selektive Sperrung/Noindex bestimmter Varianten
  • Öffnung aller PDP

… Dann ist die Entscheidung aufwändiger und komplexer als: Wir haben ChatGPT und Perplexity in der Robots.txt gesperrt, um unsere Verhandlungsposition für LLM zu verbessern. Wollen wir das auch für Claude machen?

In der Funktions- und Aufwandsschätzung definieren wir (aber bewerten noch nicht):

  • Wie sieht die Lösung aus?
  • Wie führt diese Variante zu einer Lösung des Problems? Was ist das Wirkungsprinzip?
  • Wie wird sie technisch/inhaltlich umgesetzt?
  • Wie teuer wird die Implementierung?
  • Wie teuer wird die Wartung?
  • Welche Folgekosten entstehen durch die Variante?
  • Wie schnell ist eine Implementierung möglich?

Möglicherweise beschreiben wir nicht alle Alternativen gleich intensiv. „Änderung der Robots.txt“ ist wahrscheinlich einfacher zu beschreiben als „Änderung des Geschäftsmodells“.

Regel Nummer 5: Erst am Ende machen wir uns bewusst Gedanken über Vor- und Nachteile

Nachdem wir alle Varianten und ihre Umsetzung entwickelt haben, machen wir uns Gedanken über die Vor- und Nachteile der einzelnen Varianten:

  • Auf welcher Ebene ist diese Alternative besonders gut geeignet, das Problem zu lösen und uns in Richtung Ziel zu bewegen?
  • Was ist die besondere Stärke dieser Alternative?
  • Was sind die Schwächen dieser Variante?
  • Was macht diese Lösung einzigartig?
  • Wie sicher sind wir, dass diese Lösung das Problem löst?
  • Bis zu welchem Grad ist die Alternative in der Lage das Problem zu lösen.

Regel Nummer 6: Wenn Du Deine Entscheidungskriterien nicht vorher festlegst, wirst Du eh die Variante nehmen, die Dir am besten gefällt.

Jetzt kommen wir zur Entscheidung: Welche Alternative ist die beste und warum?

Das Beste ist natürlich immer abhängig von den Rahmenbedingungen und dem Ziel:

Beste kann sein:

  • Billig (geringe Kosten und Ertrag niedrig)
  • Effizient (die beste Kosten/Nutzen-Lösung; 80/20-Prinzip, Aufwand/Ertrag, Kosten/Nutzen)
  • Beste (Ertrag am höchsten, aber Kosten hoch)

Alles keine Wissenschaft, nur Meinung

Weil Entscheidungen wichtig sind, gibt es jede Menge Forschung dazu.

Das hier ist kein Teil der Forschung, sondern ein Einblick in meinen praktischen Umgang mit Entscheidungen. Nicht immer, aber meistens halte ich mich an dieses Framework. Mich daran zu halten, nimmt mir nämlich schon die Entscheidung ab, wie ich zu einer Entscheidung komme.

Aber: Das hier ist mein pragmatischer Ansatz. Dort draußen gibt es tausende Bücher und wissenschaftliche Arbeiten, die jeden Einzelaspekt in der Tiefe belegen (oder widerlegen) und facettenreicher gestalten. Nimm Dir vor der nächsten größeren Entscheidung einmal ein wenig Zeit zu überlegen, wie Du zu einer Entscheidung kommen möchtest, bevor Du zu einer Entscheidung kommst.

Hab Spaß am Entscheiden!

Welche Entscheidung heute die richtige ist unter all diesen Rahmenbedingungen, das können wir uns überlegen. Ob die Entscheidung auch rückblickend in 5 Jahren richtig gewesen sein wird? Das können wir nicht wissen.

Aber wir sollten unseren Entscheidungsmuskel trainieren:

  • Welche Entscheidungen haben wir vor 1,2,3 Jahren getroffen?
  • Was haben wir uns dabei gedacht?
  • War das rückblickend die richtige Entscheidung?
  • Was hätten wir auf dem Weg zur Entscheidung besser machen können?

Idealerweise legen wir uns das schon bei der Entscheidung zurecht: Wie wollen wir die Entscheidung rückwirkend bewerten?

Gerade im SEO dürfen wir viel mutiger mit Entscheidungen umgehen.

  • Wenn wir etwas indexieren und es war falsch, dann indexieren wir das wieder.
  • Wenn wir etwas löschen und es war falsch, dann stellen wir es wieder her.
  • Wenn etwas kaputt geht, dann können wir es reparieren.

Ja, Ressourcen sind begrenzt und SEO steht nicht immer ganz oben in der Nahrungskette.

Aber wir dürfen mutiger sein. Die meisten Entscheidungen im SEO sind reversibel. Und wenn Du begründen kannst, warum Du eine Entscheidung so getroffen hast, dann ist es gut möglich herauszufinden, was sich zwischen der Entscheidung und dem Ergebnis geändert hat.

Also:

  • Welche Entscheidung steht bei Dir an?
  • Welche Entscheidung hast Du vor einem Jahr getroffen und was hättest Du im Prozess besser machen können?
  • Hättest Du dann eine andere Entscheidung getroffen und wäre sie aus heutiger Perspektive besser gewesen als die Entscheidung, die Du getroffen hast?

Und vor allem: Wenn Du eine Entscheidung nicht selbst triffst, sondern beraten hast:

Was hättest Du besser machen können, damit eine bessere Entscheidung getroffen worden wäre?

Geschäftsführender Gesellschafter

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