In unserer Newsletter-Ausgabe #244 habe ich bereits erste Gedanken dazu geteilt, "Warum wir uns immer gehetzter fühlen – und was dahinter steckt". Wir haben uns angeschaut, wie die zunehmende Hektik unserer Zeit nicht nur unseren Alltag prägt, sondern auch unsere Art zu denken und Entscheidungen zu treffen. Doch eine Diagnose reicht nicht. Wenn uns das Tempo der Welt erschöpft, stellt sich die Frage:
- Wie entkommen wir dem ständigen Dauerrauschen?
- Wie gewinnen wir Klarheit und Ruhe zurück?
Es wäre zu einfach zu sagen, wir bräuchten mehr Zeit. Die Wahrheit ist: Mehr Zeit bringt nichts, wenn wir sie genauso vollstopfen wie die Stunden, die wir schon haben. Die Lösung liegt nicht in Quantität, sondern in Qualität – darin, unser Leben auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Zeit setzt uns Grenzen – jeder Tag hat nur 24 Stunden. Doch anstatt diese Grenze zu akzeptieren, tun wir alles, um sie zu umgehen – wir arbeiten länger, schlafen kürzer, optimieren unsere Tage mit To-do-Listen und Effizienz-Hacks. Das ist teils durchaus schlau (insbesondere im Arbeitskontext), aber auch nur die halbe Wahrheit. Denn nicht alles, was getan werden kann, sollte auch getan werden.
Leben bedeutet entscheiden. Jedes ‘Ja’ ist ein tausendfaches ‘Nein’.
Doch wann sage ich am besten was?
Prioritätenmanagement: Woran richte ich mein Leben aus?
Stephen Covey geht in seinem Bestseller "Die 7 Wege zur Effektivität" tiefer auf diese Frage ein. Dabei lädt er seine Leser:innen zu einer spannenden Übung ein: Schreib Deine eigene Grabrede! Damit verbunden stehen die Fragen:
- Was sollen die Menschen über Dich sagen?
- Wofür willst Du eigentlich stehen?
- Nach welchen Werten und Prinzipien willst Du leben?
Sind die eigenen Wünsche und Ziele erstmal definiert, lässt sich wesentlich besser priorisieren. Und hier verweist Covey auf die allseits bekannte Eisenhower-Matrix (mehr dazu siehe auch in meinem Podcast zum Prinzip der Prioritäten). Diese zwingt uns, zwischen wichtig und dringend zu unterscheiden.
Vieles, was unseren Alltag dominiert, ist nur deshalb so präsent, weil es laut ist – E-Mails, Meetings, To-dos, Benachrichtigungen. Aber wirklich entscheidend für unser Leben sind oft Dinge, die nicht drängen: Beziehungen, Kreativität, innere Klarheit.
Deshalb brauchen wir Strategien, um uns bewusst gegen den Lärm zu entscheiden. Hier sind vier Wege, wie man der Rastlosigkeit entkommen kann. Ich bin hier selbst noch auf Entdeckungsreise, aber ich hoffe, die folgenden Gedanken inspirieren Dich, um immer weniger getrieben zu sein:
1. Schaffe Dir Zeiten der Stille und Einsamkeit
In einer Microsoft-Umfrage gaben 77 % der jungen Erwachsenen an, dass sie automatisch zum Smartphone greifen, sobald sie nichts zu tun haben. Das kenne ich nur zu gut – und Du bestimmt auch.
Das Problem dabei: Wir haben verlernt, mit Langeweile umzugehen. Wir halten Stille nicht mehr aus. Es muss immer was los sein, sonst werden wir nervös. Vielleicht ist Stille genau das, was uns fehlt.
Es gibt zwei Arten von Stille: die äußere und die innere Stille. Die Äußere ist selbsterklärend: kein Lärm, keine Ablenkung, Ruhe. Die Innere ist durchaus schwieriger zu erklären, als auch zu erreichen. Ich würde es als Zugang zu sich selbst, den eigenen Gedanken und Gefühlen beschreiben. Und die spielen manchmal verrückt.
Dabei zu bedenken: Während sich Außengeräusche mit Kopfhörern oder geschlossenen Türen ausschalten lassen, gibt es für den inneren Lärm keinen Off-Schalter. Doch oft übertönen wir den inneren Lärm mit Äußerem.
Daher bedarf es Stille. Stille und Einsamkeit. Einsamkeit bedeutet dabei übrigens nicht Isolation. Sie ist kein Mangel, sondern eine Möglichkeit. Richard Foster (Theologe, Universitätsprofessor und Autor) beschreibt es treffend:
„Alleinsein ist innere Leere. Einsamkeit ist innere Erfüllung.“
Wir brauchen Räume, in denen wir allein mit unseren Gedanken sein können – ohne Ablenkung, ohne Unterhaltung. Dann entsteht echter Raum für Reflexion.
Wie kann das aussehen?
1. Die 60-Sekunden-Stille-Challenge: Setze Dir bewusst 60 Sekunden Stille als tägliche Übung.
- Öffne keine App, lies nichts, schau nicht auf Dein Handy.
- Einfach nur sitzen, atmen und beobachten, was passiert.
- Falls Du unruhig wirst: Zähle Deine Atemzüge.
➡️ Steigerung: Erhöhe nach einer Woche auf 2, dann 3 Minuten.
2. Der stille Spaziergang: Mache einmal pro Woche einen Spaziergang ohne Podcast, ohne Musik, ohne Ablenkung.
- Gehe ohne Ziel, einfach um zu gehen.
- Nimm bewusst wahr, wie Du Dich fühlst.
➡️ Variation: Falls Dir Stille unangenehm ist: Fang mit 10 Minuten an und steigere es.
2. Mache regelmäßig Pausen – einen Tag pro Woche
Wie viele Stunden pro Woche kann ein Mensch arbeiten, ohne dass die Produktivität leidet? 60? 70? Eine Studie hat gezeigt: Nach 50 Stunden geht die Produktivität! Das fand ich spannend, denn 50 Stunden entsprechen in etwa einer 6-Tage-Woche (6 × 8 Stunden).
Daraus ziehe ich folgende Schlussfolgerung: Könnte es sein, dass es eine gute Idee ist, wenn wir uns an einem Tag pro Woche eine radikale Pause gönnen? Einen Tag, an dem wir nichts tun. Kein Job, keine Hausarbeit, keine Erledigungen. Einfach 24 Stunden, um das Leben zu genießen und uns auf die Dinge zu konzentrieren, die uns wichtig sind.
Denn wenn wir nur noch arbeiten, wirtschaften wir uns zugrunde. Wir werden mehr zur Maschine als zum Menschen.
Das, was uns im Leben bekanntlich wichtig ist, hat meist mit Beziehungen zu tun. Es geht darum, Zeit mit den Menschen zu haben, die uns wichtig sind. Gespräche, Gedanken, Erfahrungen, die nicht zwischen zwei Meetings gequetscht werden müssen. Und dafür sollten wir uns Qualitätszeit nehmen. Einen Tag pro Woche. Mindestens.
3. Lerne Genügsamkeit – reduziere Dein Wollen
„Das Streben nach Besitz ist ein Motor für Rastlosigkeit.“
– Alan Fadling
Wir leben in einer Welt, die uns ständig mehr Wünsche einflüstert, als wir wirklich brauchen. Werbung will uns glauben lassen, dass wir nur noch eine Anschaffung vom Glück entfernt sind. Doch jeder neue Besitz kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit – Zeit für Pflege, Wartung, Verwaltung.
Die Lösung ist nicht Verzicht, sondern Fokus. Einfachheit bedeutet nicht, mit weniger auszukommen, sondern das zu priorisieren, was wirklich zählt.
Es ist leicht, sich auf das zu konzentrieren, was fehlt. Aber Zufriedenheit entsteht nicht durch mehr, sondern durch die Fähigkeit, das Weniger zu genießen.
4. Suche Gelegenheiten zur Entschleunigung
Wir sind es gewohnt, jede Wartezeit zu überbrücken – mit Scrollen, Lesen, Antworten auf Nachrichten. Doch was wäre, wenn wir bewusst Gelegenheiten zum Warten suchen?
Wie meine ich das?
1. Die Warteschlangen-Regel: Überbrücke Wartezeiten nicht mit Ablenkung.
- In der Kassenschlange? Kein Handy.
- An der Ampel? Keine Musik wechseln.
- Nutze die Gelegenheit, Deine Umgebung bewusst wahrzunehmen.
➡️ Tipp: Falls es schwerfällt, konzentriere Dich auf einen kleinen Sinneseindruck (z. B. „Welche Geräusche nehme ich gerade wahr?“).
2. Digital Detox Light: Leg Dir kleine Digital-Pausen in den Alltag.
- Kein Handy in den ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen.
- Eine Stunde vor dem Schlafen: Bildschirmfrei.
- Essenspausen ohne Smartphone.
➡️ Steigerung: Ein fixer „Offline-Abend“ pro Woche.
Es klingt banal, aber solche Mikro-Entschleunigungen trainieren uns darin, langsamer zu werden. Und langsamer bedeutet nicht schlechter. Langsam bedeutet bewusst. Langsam bedeutet, wirklich da zu sein.
Fazit: Jeder Moment ist ein Geschenk
Am Ende ist es eine Frage der Perspektive. Wir werden die Zeit nie kontrollieren können – aber wir können entscheiden, was wir mit ihr tun.
Jeder Tag ist eine Chance. Jede Stunde eine Gelegenheit. Jeder Moment ein Geschenk.
Es liegt an uns, unsere Zeit nicht mit Dingen zu füllen, die uns leer zurücklassen – sondern mit dem, was uns wirklich erfüllt.
P.S. Wenn Du das Thema spannend findest, haben Philipp und ich die folgenden Buchtipps für Dich dazu: