Es gibt kaum ein Thema, das unser Arbeits- und Privatleben so bestimmt wie Geschwindigkeit und Veränderungen. Besonders in der digitalen Welt sind Tempo und Fortschritt entscheidend: SEO-Strategien müssen agil bleiben, Algorithmen ändern sich ständig, und wer nicht Schritt hält, fällt zurück. Doch was macht dieses Tempo mit uns? Was, wenn der ständige Druck, schneller zu sein, nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Wohlbefinden beeinflusst?
Philipp hat in seinem letzten Artikel "Ist Stress Dein Saboteur und Feind oder Dein Freund und Helfer?" bereits einen praktischen Blick auf das Thema geworfen. Was genau ist Stress – und wie können wir ihn vermeiden? Der Artikel hat nicht nur das Interesse unserer Abonnent:innen geweckt (danke für Eure E-Mails, sie motivieren uns und Philipp wird auch nochmal eine Fortsetzung schreiben!), sondern auch bei mir eine Kettenreaktion an Gedanken ausgelöst.
Ein zentraler Punkt in Philipps Überlegungen ist die Stress-Kurve, die auf der Stress and Pressure Performance Curve von Delphis basiert: Stress folgt keiner linearen Skala, sondern einer Glockenkurve. Das bedeutet, Stress ist nicht per se schlecht – er kann uns sogar zu Höchstleistungen anspornen. Zu wenig Stress führt oft zu Motivationsverlust, zu viel kann uns die Kontrolle nehmen und einen Burnout herbeiführen. Der Schlüssel liegt also in der Balance.
Doch bevor wir darauf zu sprechen kommen, wie wir Stress bewältigen können, lohnt sich ein weiterer Blick hinter die Kulissen:
- Warum stresst uns Veränderung – und welche Rolle spielt das Tempo dabei?
- Wie hat sich unser Verhältnis zur Zeit verändert – und warum fühlen wir uns heute immer getriebener?
- Welche Rolle spielt Technologie – und wie können wir sie bewusst nutzen, statt uns von ihr treiben zu lassen?
Veränderung ist unvermeidlich – aber das Tempo stresst uns
Veränderung an sich ist für viele Menschen herausfordernd – doch was uns wirklich stresst, ist das Tempo, in dem sie passiert. Genau darüber sprach Klemens Skibicki in seiner Keynote auf der OMX 2024 – und zeigte eindrücklich, warum wir uns mit Veränderungen so schwer tun. Besonders spannend fand ich, wie er erklärte, warum unser Gehirn instinktiv gegen Veränderungen arbeitet – und was das für uns bedeutet.
Veränderung durchläuft typischerweise mehrere emotionale Phasen: Zunächst kommt der Schock – das Gefühl, überrumpelt zu werden. Dann folgt der Widerstand – das Festhalten am Alten, begleitet von Frustration oder Angst. Schließlich setzt Trauer ein – das Bewusstsein, dass etwas Vertrautes unwiderruflich vorbei ist. Erst wenn wir diese Phasen durchlebt haben, öffnen wir uns für Neues.
Skibicki machte deutlich: Veränderung kann nicht einfach verordnet werden. Sie muss erklärt werden, Ängste müssen ernst genommen und Orientierung muss geboten werden. Seine zentrale Frage bringt es auf den Punkt: „Glaubst Du, das geht wieder weg?“
Die Antwort ist eindeutig: Veränderungen verschwinden nicht. Am Ende setzt sich immer durch, was den Bedürfnissen der Menschen entspricht.
Was bedeutet das konkret? Alles, was einfach, schnell, individuell, bezahlbar und dazu noch jederzeit, überall verfügbar ist, hat die besten Chancen, sich durchzusetzen. Das klingt nach einem perfekten Rezept für Innovation.
Doch genau hier liegt die Herausforderung: Nicht die Veränderung selbst überfordert uns – sondern ihr Tempo.
Wie sich unser Umgang mit Zeit radikal verändert hat
Unser Stress mit Veränderung hat viel mit unserer Beziehung zur Zeit zu tun – und die hat sich über die Jahrhunderte dramatisch gewandelt. Früher war Zeit kein knappes Gut. Sie floss natürlich dahin, bestimmt von Sonnenauf- und -untergang. Doch mit jeder neuen Technologie wurde unser Umgang mit Zeit beschleunigt – immer schneller, immer drängender.
Bereits 200 v. Chr. sorgte die Sonnenuhr für Empörung. Die Menschen empfanden es als Revolution, dass die Tagesstunden plötzlich exakt unterscheidbar wurden. Der römische Dichter Plautus klagte:
„Der Fluch der Götter jenem, der das Mittel fand, die Tagesstunden streng zu unterscheiden. Verflucht sei auch, der hier an diesem Ort die Sonnenuhr errichtete, die meine Tage elendig zerschneiden und zerhacken in kleine Stücke!“
Im 12. Jahrhundert erfanden Mönche mechanische Uhren, um die Gebetszeiten im Kloster zu regeln. Doch bald entkoppelte sich die Zeit von der Natur. 1370 markierte der erste öffentliche Uhrenturm in Köln eine Zeitenwende: Zeit war nun ein mechanisches Konstrukt, nicht länger nur ein Naturphänomen. Die Menschen begannen immer effizienter zu werden. Im Takt der Uhr wuchs die Geschwindigkeit des Lebens.
Der Historiker Daniel J. Boorstin brachte es auf den Punkt:
„Das war die Unabhängigkeitserklärung des Menschen von der Sonne, ein neuer Beweis seiner Herrschaft über sich selbst und seine Umgebung. Erst später sollte sich herausstellen, dass er diese Beherrschung erlangt hatte, indem er sich der Herrschaft einer Maschine unterwarf, die ganz eigene gebieterische Ansprüche stellt.“
Dann kam Edison. Mit der Glühbirne konnten Menschen plötzlich auch nach Sonnenuntergang produktiv sein. Wusstest Du, dass vor Edison Menschen im Durchschnitt elf Stunden pro Nacht schliefen? (Mehr dazu wie elektrisches Licht unser Schlafen verändert hat und zur Geschichte des Schlafens bei National Geographic) Heute sind es durchschnittlich nur noch sieben, vielleicht acht Stunden. In jedem Fall ist das ein deutlicher Unterschied!
Mit jeder technologischen Innovation hat sich unser Verhältnis zur Zeit weiter verändert. Die Industrialisierung, die ersten Computer, das digitale Zeitalter – alle diese Fortschritte versprachen Zeit zu sparen. Doch paradoxerweise haben wir heute weniger davon als je zuvor.
2007 brachte das iPhone den nächsten Wendepunkt. Mit Smartphones und Social Media wurde unser Alltag in wenigen Jahren radikal umgekrempelt. Wir sind immer online, ständig auf dem neuesten Stand. Tag und Nacht. 24 Stunden. 7 Tage die Woche.
All das ist heutzutage aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es hat eben auch seine attraktiven Seiten, ganz klar. Jedoch sind wir immer öfter abgelenkt. Es wird um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt. Und die Zeit, die uns bleibt, schrumpft immer weiter.
Hektik: Die unterschätzte Gefahr
Hektik ist die Wurzel vieler toxischer Symptome unserer Zeit. Wir sind ständig beschäftigt, immer in Bewegung – getrieben von Deadlines, Meetings und Nachrichten, die sofortige Antworten verlangen. In unserer Kultur ist „langsam“ ein abwertendes Wort – schnell ist gut, langsam ist schlecht. Doch genau hier liegt die Falle.
Daher empfiehlt Dallas Willard (Hochschullehrer für Philosophie und Schriftsteller):
„Du musst alle Hektik aus Deinem Leben verbannen. Radikal.“
Doch ist das realistisch? In einer Welt voller Deadlines, Push-Benachrichtigungen und Terminkalender-Apps? Ein gewisses Maß an Betriebsamkeit ist unvermeidlich – in Notfällen sogar notwendig. Doch die chronische Eile, mit der viele von uns als Standardeinstellung leben, gleicht einer Krankheit, die unser Inneres schleichend zermürbt.
Auch Mahatma Gandhi (Freiheitskämpfer und Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung) sagt:
„Es gibt im Leben Wichtigeres, als seine Geschwindigkeit zu erhöhen.“
Technologie: Fluch oder Befreiung?
Technologie war schon immer ein doppeltes Schwert. Sie hat uns geholfen, die Welt zu erobern, aber auch neue Zwänge geschaffen. Die Erfindung der Dampfmaschine beschleunigte den Handel, ließ aber Fabrikarbeiter in rigiden Taktungen schuften. Die Einführung der E-Mail ersetzte langsame Briefe, doch sie brachte auch den Zwang zur ständigen Erreichbarkeit.
Heute haben wir Kalender-Apps, digitale Assistenten und Automatisierungen – und dennoch scheint unser Alltag hektischer denn je. Warum? Weil Technologie uns oft nicht nur entlastet, sondern auch beschleunigt. Sie nimmt uns zwar Aufgaben ab, aber füllt die freigewordene Zeit sofort mit neuen Verpflichtungen.
Technologie und Fortschritt sind Werkzeuge – weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen. Denn eines ist sicher: Wirtschaftlicher oder technologischer Fortschritt bedeutet nicht automatisch auch menschlichen Fortschritt. Wir brauchen eine Balance zwischen Beschleunigung und bewusstem Innehalten.
Überleg einmal selbst:
- Was wäre also, wenn Du Technologie bewusster einsetzen würdest, statt Dich von ihr treiben zu lassen?
- Wenn Du sie vielleicht auch zur Seite legen würdest, um mehr Raum für das Wesentliche zu schaffen?
- Welche Wege gehst Du, um Dein Leben zu entschleunigen – ohne den Anschluss zu verlieren?
In den kommenden Wochen werde ich einen Folgeartikel veröffentlichen, in dem ich darauf eingehe, wie ich denke, dass wir der Rastlosigkeit entkommen können. Bleib also dran! 😊