In einem vorherigen Artikel erzählt Kriemhild davon, wie das UX Camp den historischen Schuppen Eins in Bremen in einen brodelnden Ideenkessel verwandelt hat. Zwischen Keynotes, spontanen sonnigen Session-Slots auf der Terrasse und spannenden, produktiven Diskussionen tauchte bald eine Frage auf, die jedes Team kennt, das um Budgets kämpft: Wie begründet/verargumentiert man eigentlich User Experience und womit belegt man ihren Wert?
Was UX ist und wo sie beginnt
Die Norm ISO 9241-210 fasst UX als *„A person's perceptions and responses that result from the use and/or anticipated use of a product, system or service.” *usability.de.
Genau das sprang mir gleich im ersten Slot ins Gesicht: Philip Köhler, Film-Nerd mit eigenem Projekt Movie Flip, bat uns um Feedback zu seiner Seite, die anhand von vier Fragen den nächsten Film zum Schauen empfiehlt. Das Versprechen: Keine endlose Netflix-Scrollerei mehr, sondern eine präzise, Deinen Bedürfnissen angepasste Filmempfehlung.
Aus einem “Ich schau mir die Seite mal an” wurde schnell eine richtige UX-Klinik. Wir hielten uns nicht mit Farben und Formen auf, sondern pflückten das gesamte Erlebnis auseinander und setzten es mit vielen kreativen und produktiven Ideen wieder zusammen.
Ich habe gelernt: UX startet, sobald jemand eine Werbung sieht oder eine App entdeckt, setzt sich während der Nutzung des Produkts fort und klingt erst nach der letzten Erinnerung wieder ab. Websites, Apps, Verpackungen oder der Sound des neuen Staubsaugers… selbst die Rechnung und der Newsletter: Alles gehört zu einer Erlebniskette. Das ist wichtig zu verstehen, denn genau in dieser Erkenntnis steckt der Grund, warum wir alle uns mit dem Thema beschäftigen sollten und dies nicht nur für UX Designer, sondern auch für die Entwickler, SEOs und weitere Abteilungen ein relevantes Thema ist.
Wie man UX verargumentiert → unsere Messpunkte
In einer spontan einberufenen Outdoor-Session fiel der Satz: „UX ist wichtig, aber verdammt schwer zu verargumentieren.“, obwohl es wie wir sehen einen so großen Umfang hat. Wie belegt man UX also in Zahlen? Auf Post-Its haben wir Metriken gesammelt:
Login-Quote und Monthly Active Users zeigen, ob Menschen nach der Registrierung wirklich aktiv werden. Der erste Lackmustest dafür, ob Kund:innen das Produkt tatsächlich nutzen, weil das Produktversprechen aus der Werbung nicht nur eine leere Hülle war.
Interaktionen, Verweildauer und Absprungrate erzählen, ob Inhalt und Bedienung fesseln oder vergraulen. Rutscht die Verweildauer, steigen meist auch die schnellen Rücksprünge in die Suchergebnisse, ein guter Hinweis auf Verbesserungspotenzial.
Task Completion Time und Task Success Rate decken Reibungspunkte in Journeys auf. Muss jeder zweite Warenkorb abgebrochen werden, liegt die TSR unter einer bestimmten individuellen-Prozent-Schmerzgrenze → 🔔Ding Ding: Handlungsbedarf!
Session-Recordings sind eine Idee um das Warum und Wo hinter Peaks und Tälern zu liefern. Wo passieren Rage Clicks? Was klappt gut und wo hängen User:innen fest?
Net Promoter Score, System Usability Scale und einfache Zählungen von Beschwerden machen Zufriedenheit, Loyalität und Support Aufwand zählbar. Sinkende Ticketzahlen sind das Ziel.
Und schließlich ein weiterer gelber Zettel „Wertung & Ranking + Konkurrenz“ als Reminder, dass bessere UX auch in Sichtbarkeit, Bewertungen und Rankings messbar wird.
Gemeinsam spannen diese Kennzahlen ein Netz, das Adoption, Engagement, Effizienz und Stimmung zugleich erfasst, eine Sprache, die Controller genauso verstehen wie Designer.
Wenn UX und SEO dieselbe Sprache sprechen
Google stuft die Nutzersignale stetig höher ein und betont, dass Seiten mit „gutem Nutzererlebnis“ bevorzugt werden. Schnelle Lade- und Reaktionszeiten, stabile Layouts, niedrige Absprungquoten, genau die Faktoren, die auch UX-Teams optimieren, fließen in Rankings ein. Steigt die Task Success Rate oder verlängert sich die Verweildauer, profitiert nicht nur das Erlebnis, sondern auch die organische Sichtbarkeit. Zwei Disziplinen, ein Handshake. 🤝
Fazit
Lass mich das kurz poetisch ausdrücken: UX beginnt beim ersten Erwartungsflackern und endet mit dem letzten Erinnerungsfaden (online wie offline). Wer ihren Wert belegen will, “übersetzt” das Erlebnis in Kennzahlen, dann wird aus einer Idee eine belastbare Größe, die Projektbudgets rechtfertigt.