Robert Seeger macht sich zum Auftakt der Online Expert Days in Salzburg an der Bühne bereit für seine Keynote und eins steht fest. Er wird abliefern. Vor einem Jahr hab ich ihn genau hier zum ersten Mal erlebt und schmunzel noch heute über seinen klugen, mit Punchlines gespickten Vortrag. So sicher wie der Redirect-Glitch beim Relaunch werden meine Synapsen die kommende dreiviertel Stunde auf Silvesterraketen reitend Hase und Igel spielen und sich anschließend einander besoffen zum Klang von Ola Paloma Blanca in den Tentakeln liegend die Blutsgeschwisterschaft schwören. Für immer.
KI ist hier. Was machen wir damit?
Auf welchem Feld können sich Menschen austoben und etwas Einzigartiges schaffen, das unautomatisierbar bleibt?
Der Robo-Praktikant auf KI-Steroiden kann's für Robert nicht sein. Nothing edgy. Durchnivelliertes Mittelmaß. Die Witze? Schnarchnasig. Lob für die von ChatGPT genierte Arbeit? Ja, schon. Aber Werkstolz? Doesn't compute.
Frage in den Saal: Wer hat schon mit ChatGPT experimenitert? Fast alle. Und wer hat seitdem mehr Sex? Verdruckste Stille. Spiel, Satz und Sieg in Minute 3 des Vortrags.
Aber Gott sei Dank. Seit ChatGPT hat sich die Anzahl an Spam-Emails verdreifacht. Wir gehen mit der gewonnenen Effizienz nicht etwa länger mit dem Hund im Wald spazieren, sondern legen uns noch mehr digitalen Dünnschiss in die Postfächer, den wir dann KI-gestützt aussortieren und garantiert nicht lesen werden.
Am Ausprobieren und kreativen Prompting mangelt es bei Robert nicht. Wie genial ist die Idee, aus dem Video vom Überraschungsweltrekord des Österreichers Markus Rogan gegen Ryan Lochte im Rückenschwimmen bei den Olympischen Spielen 2008 einen KI-Kommentar basierend auf ein paar Händen voll Screenshots sprechen zu lassen?
Das Ergebnis? Akkurat. Aber Emotionen? Kein Vergleich zum Ausrasten des österreichischen Kommentators im stimmüberschlagenden "I werd narrisch"-Stil. Ich habe keine Ahnung, wer Markus Rogan ist, aber geweint hab ich trotzdem fast. Anderthalb Jahrzehnte später. Auf einer Online-Konferenz. ¯\\(ツ)\/¯
Wer nach Robert Seeger sprechen muss, verliert!
Ganz klar. Das sind nach einer Keynote zum Beginn der Konferenz, notgedrungen, leider alle. (Upsi.)
Und während ich mich gerade wohlig in der Selbstgewissheit suhle, dass ich mit der Kombination aus schlechten Wortwitzen, SEO-Nerd-Neugier und Bock auf tiefe Analyse meinen Platz in der Welt bestimmt weiter irgendwie gewertschätzt bekomme, setzt uns Pip Klöckner alle gehörig auf den Pott.
"Wenn wir uns heute über den Output von ChatGPT lustig machen, ist das, als würde uns ein Dreijähriger im Schach schlagen und wir sagten dazu: 'Egal, ich bin größer und hau Dir aufs Maul!'
Während wir gar nicht bemerken, dass der Dreijährige dazu parallel das bessere Biologieabitur schreibt und die Anwaltszulassung schon bestanden hat." (Pip Klöckner)
Badda Boom. Badda Bang.
KI ist nicht das Auto, das Pferde ersetzt, sondern Elektrizität. KI-Output ist aktuell so langweilig, weil sie auf Effizienz trainiert wurde.
"Aber safe wird KI bald die besseren Witze reißen." (Pip Klöckner)
Pip krallt sich die Kaffeefahrt im Regionalzug der guten Laune, reißt sie in die Höhe und setzt sie um 180 Grad gedreht aufs Gleis einer Achterbahn. Abfahrt Ankunft. Zukunft ungewiss.
Dabei sind sich die beiden in zentralen Punkten einig. "Made by Mensch" wird laut Robert zum Gütesiegel. Für Pip werden echte Expertinnen jetzt erst richtig wertvoll. Journalisten vor Ort in Gaza, die aus erster Hand berichten. Daten, Ground Truth, die sonst niemand hat.
Beide sträuben sich gegen den Durchschnitt. Innovation bedeutet Wachstum. A-/B-Testing optimiert auf Effizienz. Ist aber keine Innovation. Für die Meisten sind behindertengerechte oder gay-friendly Ferienwohnungen egal. Für einige Wenige machen sie den existentiellen Unterschied aus. Dem Durchschnitt kann man das nicht ansehen.
Randnotiz
Ein Detail, über das ich grübele: Pip wünscht sich einen zuverlässigen Identifizierungsprozess, um bei digital Kommunizierenden zwischen Mensch und Bot unterscheiden zu können. Und Pip prognostiziert, dass KI nicht den Menschen ablöst, sondern gute Leute, die KI einzusetzen wissen, Durchschnittsleute mit repetitiven Aufgaben überflüssig machen. Wie soll uns der ID-Prozess dann vor Bot-Content von der zweiten Gruppe schützen? Schließlich werden auch Menschen, denen wir vertrauen, für ihre Inhalte auf KI zurückgreifen.
Ich schätze, es wird so laufen wie bei der Evolution der Google-Richtlinien. Früher war Bot-Content verboten. Jetzt, wo das alles kaum mehr zu unterscheiden ist, heben wir das Verbot auf und gehen voll auf die Nützlichkeit als Qualitätsmerkmal.
Wir werden wohl künftig darauf vertrauen müssen, dass die Expert:innen, denen wir unser Vertrauen schenken, ihre KI-augmentierten Outputs qualitätssichern, um voll und ganz dahinter stehen zu können.
Meine Synapsen feuern und feiern jedenfalls fleißig weiter. Stellt sich raus, dass der Igel dem Hasen ein Pipchen geschlagen hat.