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Geschäftsführender Gesellschafter

Früher, im Ehrenamt, da gab es Norbert. Norbert war 2m groß, hager und hatte eine tiefe, sonore Stimme. Alles, was Norbert tat, machte er voll fokussiert, etwas langsam und bedächtig. Ein großartiger Typ. Norbert hatte 2 Signature Moves:

  1. Ein imaginäres Abmahnheft, in das er jedes Fehlverhalten eintrug: „Ich trage eine Abmahnung für Johan ein, weil er schon wieder jemanden beim Reden unterbrochen hat." --- Meistens hat es schon gereicht, wenn er so getan hat, als würde er schreiben, um Fehlverhalten anderer zu korrigieren.\*

  2. Wenn andere anfingen sich aufzuregen, dann sagte er immer: „Wir müssen alle viiiiieeel ruhiger werden." Auch das hat hervorragend funktioniert, um das Verhalten anderer zu korrigieren.

Wie dem auch sei. Immer wenn ich anfange mich aufzuregen, dann habe ich einen kleinen 2m-Norbert in meinem Kopf, der mich ermahnt, ruhig zu bleiben. Aber manchmal, da muss Norbert einfach verlieren.

Und obwohl ich mich nicht aufregen will und weiß, dass es nichts bringt: AAAAAAaaaaaaarrrrrrrrghhhh! Grmpf! ⁉️☠️#️⃣💥✊🤬

Aktueller Auslöser: Die Handelszeitung aus der Schweiz. Deren Artikel „Ein junger Programmierer beendet die Alleinherrschaft von Google" wurde mir in die Discover-Timeline gespült. Und hat sich ganz weich auf ein randgefülltes Fass von ChatGPT-Panikwellen und Euphorie gelegt.

Es ist ja normal, dass Laien manchmal Fehlschlüssen aufsitzen. Und komplett ungewohnt ist es auch nicht, dass Publisher Headlines etwas übertreiben, um Klicks zu generieren. Normalerweise ist der größte Teil meiner Aufregung, dass ich mich darüber aufrege, dass ich mich darüber aufregen möchte.

Doch dieses Mal: Was führt dazu, dass man so etwas schreibt, wenn man sich nur ansatzweise mit dem Thema beschäftigt hat?

Weil Google die besten Ergebnisse liefert, wird sie von Millionen Menschen genutzt. Doch die wissen noch nicht, dass die Alleinherrschaft von Google zu Ende ist.

Hier also nochmal der kurze Reminder, warum ChatGPT nicht das Ende von Google ist:

  1. Es ist aktuell zu langsam: Warum sollte ich für viele Fragen länger als 1 Minute warten, wenn Googles Ergebnisse in weniger als einer halben Sekunde da sind?

  2. Es ist zu intransparent: Wenn ich recherchiere, dann möchte ich Fakten und Nachvollziehbarkeit. Ich möchte nicht ein Ergebnis, dass ich dann im Einzelfall validieren muss.

  3. Es ist zu teuer: Auch wenn die kolportierten Kosten für ChatGPT übertrieben sind (beispielsweise geht die Modellrechnung von AWS-Kosten aus, ChatGPT läuft aber auf Azure und dürfte durch die Microsoft-Beteiligung relativ günstig sein), so sind die Kosten doch deutlich höher als die einer Suchanfrage. Gleichzeitig ist das Erlösmodell noch nicht gefunden, die Monetarisierung deutlich schwieriger.

  4. Google hat Möglichkeiten, damit umzugehen und ist technisch mindestens genauso weit (Du erinnerst Dich an das Interview mit einem Papierflieger?). Allerdings mit der Erfahrung der Qualitätsbewertung und dem Crawling des Internets ist Google in der Lage, aktuellere und besser gefilterte Trainingsdaten zu nutzen. Das gibt tendenziell einen deutlichen Vorsprung.

Ich bin total begeistert von ChatGPT. Ich sehe eine Menge Anwendungsfälle für die tägliche Arbeit (so lang man damit keine Strategie definieren möchte) und die Vereinfachung von Prozessen, aber wenn ich ChatGPT nicht vertrauen kann, weil selbst wenn Links oder Test-Cases angegeben sind, ich mich nicht darauf verlassen kann, dass die tatsächlich funktionieren, dann kann ich damit für viele Recherchezwecke nicht arbeiten.

Aber man muss doch die Möglichkeiten und Grenzen sehen. Auch wenn you.com, neeva.com und bing.com ChatGPT in die Suchergebnisse integrieren. Das ist ein mega Fortschritt. Und ich kann mir sehr gut einen Suchassistenten vorstellen, der mir hilft, die Ergebnisse feinzutunen. Aber solange mir ChatGPT nicht sagen kann:

  • wo ich aktuell eine Playstation 5 kaufen kann,

  • wie das Wetter morgen werden könnte,

  • und welche Serien aktuell interessant sein könnten,

so lange ist ChatGPT kein Ersatz für eine Suchmaschine.

Es ist immer wieder enorm zu sehen, wie stark das Aufbauen, Warten und Erhalten eines Index unterschätzt wird. Und am Ende: Shit in → Shit out.

Ich werde jetzt Norbert hören: Ich muss viel ruhiger werden. Ich zücke jetzt mein imaginäres Notizbuch und trage ein: „Abmahnung für Johan, weil er sich schon wieder darüber aufgeregt hat, dass jemand Quatsch ins Internet geschrieben hat, ohne nachzudenken."

\* Ich habe aber glaube ich ein eigenes Regal in seiner Abmahnheft-Bibliothek.

Geschäftsführender Gesellschafter

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