Was hat Dich in der letzten Woche inspiriert? Was hat Dich berührt – innerlich bewegt – oder Dir für einen Moment das Gefühl gegeben, dass es mehr gibt als das nächste To-do?
Viele Menschen bleiben bei dieser Frage erstmal still. Und wenn sie sich ehrlich antworten, kommt manchmal nur ein Wort dabei heraus: „Nichts.“
Das ist kein Zeichen von Ignoranz oder Desinteresse. Es ist Ausdruck eines Zustands, den viele von uns kennen: Wir sind beschäftigt. Permanent. Und trotzdem erleben wir wenig.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist ebenso schlicht wie provokant: Wie können wir so beschäftigt sein – und gleichzeitig ein so belangloses Leben führen?
In den letzten beiden Wingmen-Newslettern habe ich mich bereits mit dieser Spannung beschäftigt – einmal unter der Überschrift „Warum wir uns immer gehetzter fühlen“, dann nochmal in „Entschleunigung als Gegenentwurf: Wege aus der Rastlosigkeit“.
Heute möchte ich dazu ein paar Gedanken ergänzen, die in dieselbe Richtung zielen – aber vielleicht nochmal eine neue Perspektive eröffnen: Warum wir gerade im Zeitalter der Hochleistung oft das Gefühl verlieren, verbunden, erfüllt oder innerlich klar zu sein.
Und was das mit einem alten Brunnen und drei Schalen zu tun hat.
Drei Schalen: Ein einfaches Bild mit großer Wirkung
Stell Dir Dein Leben wie einen dreischaligen Brunnen vor. So wie bei antiken römischen Brunnen, bei denen Wasser von oben nach unten fließt – von einer Schale in die nächste.
Und jede dieser Schalen steht für einen Bereich unseres Lebens:
-
Schale A: Arbeit, Aufgaben, Anforderungen, Aufmerksamkeit. Alles, was uns fordert – unser Job, Projekte, Ziele, Benachrichtigungen, Termine, digitale Reize.
-
Schale B: Beziehungen, Begegnungen. Zeit mit Freunden, Familie, Kolleg:innen – echte Gespräche, Nähe, Austausch.
-
Schale S: Stille, Sein, Sinn. Der Raum für Reflexion, für die Frage: Was ist mir eigentlich wichtig? Was trägt mich – unabhängig vom Feedback anderer?
Das Spannende an diesem Bild ist nicht nur, was es darstellt – sondern in welcher Reihenfolge diese Schalen angeordnet sind.
Wenn das Dringende das Wesentliche überlagert
Unsere Gesellschaft – und viele Arbeitswelten – sind so gebaut, dass Schale A ganz oben steht. Arbeit, Leistung und unsere Aufmerksamkeit sind der Treibstoff, der das System am Laufen hält – und ständig gefördert wird.
Die Geschwindigkeit unserer Zeit hat längst ein Niveau erreicht, das unsere innere Verarbeitungskapazität überfordert. Studien zeigen: In den letzten 60 Jahren hat sich die Lebensgeschwindigkeit etwa alle 20 Jahre verdoppelt – bei Kommunikation, Mobilität, Informationsverarbeitung. Unsere Seele jedoch – mit ihrer Fähigkeit zur Resonanz, Tiefe und Verbindung – kommt so schnell nicht mit.
Die Schale A ist dabei die einzige, die sich quasi von selbst ausdehnt. Sie wächst. Wird größer. Frisst Zeit. Frisst Fokus. Und wenn sie sich oben breitmacht, dann kann – im Bild des Brunnens – nichts mehr in die unteren Schalen fließen.
Die Folge ist verheerend: Was wir erleben, ist ein schleichender Entzug – nicht von Kontakten oder Informationen, sondern von echter Bedeutung, Berührung und Verbindlichkeit.
Wir haben zahllose Berührungspunkte mit anderen Menschen – im Job, in Chats, auf Plattformen. Aber echte Begegnung, in der man sich gesehen, gehört und gehalten fühlt, wird immer seltener. Wir stehen in der Gefahr, kontaktreich aber beziehungsarm zu werden.
Warum Beziehungen Vorrang haben sollten
Dass das gefährlich ist, wissen wir nicht nur intuitiv – es lässt sich auch empirisch belegen. Eine der überzeugendsten Begründungen liefert die Harvard Study of Adult Development, eine der weltweit längsten Langzeitstudien. Ich bin vor Kurzem über den Artikel „Die Wissenschaft des Glücks“ auf sie gestoßen – und ihre Kernaussage ist ebenso schlicht wie kraftvoll:
Nicht Geld, Erfolg oder gesunde Ernährung machen uns dauerhaft zufrieden – sondern erfüllende Beziehungen.
Das bestätigen viele weitere Untersuchungen:
- Menschen mit engem sozialen Netz werden seltener krank – das ist biologisch messbar.
- Wer anderen etwas Gutes tut, erlebt mehr Glücksgefühle als der, der nur für sich selbst sorgt.
- Und wer isoliert lebt, hat ein deutlich höheres Risiko für Sucht, psychische Erkrankungen und Einsamkeit.
Oder wie es der Journalist Johann Hari formulierte: „Das Gegenteil von Sucht ist nicht Nüchternheit. Das Gegenteil von Sucht ist Verbundenheit.“
Beziehungen sind also keine Kür – sie sind Kernbestandteil seelischer Gesundheit. Schale B verdient einen höheren Platz als Schale A.
Beziehungen allein reichen nicht
Aber auch Beziehungen haben Grenzen. Sie sind zutiefst menschlich – und damit verletzlich.
Sie können enttäuschen, zerbrechen, sich verändern. Und: Sie tragen nicht immer, wenn wir sie am dringendsten brauchen.
Manchmal braucht das Gegenüber selbst Halt. Manchmal entstehen unausgesprochene Erwartungen, die keiner erfüllen kann.
Und wer sich ausschließlich aus Beziehung nährt, lebt in einer Abhängigkeit. Und so lautet ein weiser Ratschlag: Wer sich vom Lob anderer nährt, wird an der Kritik anderer sterben.
Deshalb braucht es eine tiefere Quelle. Einen Ort, der unabhängig ist vom Außen. Hier kommt die dritte Schale ins Spiel: Schale S.
Genau diesen Gedanken greift Stephen Covey in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“ auf, auf das ich bereits in meinem Artikel „Entschleunigung als Gegenentwurf“ eingegangen bin. Seine Einladung: Gestalte Dein Leben von innen nach außen – und nicht andersherum.
Konkret heißt das:
- Zuerst Schale S: Der innere Halt: Was ist mir wirklich wichtig? Was trägt mich, unabhängig von äußeren Umständen oder dem Urteil anderer?
- Dann Schale B: Beziehungen, die nicht aus Bedürftigkeit entstehen, sondern aus innerer Fülle heraus gestaltet werden können.
- Und dann Schale A: Arbeit, Leistung, Aufmerksamkeit. Sie hat nach wie vor ihren Platz – und vielleicht sogar den größten zeitlichen Umfang. Aber kommt eben nicht an erster Stelle.
Fazit: Die Reihenfolge entscheidet alles
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke in all dem: Es geht nicht um die Menge, sondern um die Reihenfolge. Nicht, wie viel wir arbeiten oder wie viele Menschen uns umgeben – sondern: Was kommt zuerst?
Wenn wir die Stille vor den Lärm stellen, die Begegnung vor die To-do-Liste, das Wesentliche vor das Dringende – dann gewinnen wir Klarheit. Dann gestalten wir ein Leben, das uns nicht nur fordert, sondern auch nährt.
Und vielleicht ist genau das der kleine Perspektivwechsel, der heute schon den Unterschied macht. Entscheidend ist daher nicht die Frage: Was muss ich noch alles schaffen?
Viel eher geht es um die Frage: Woraus ziehe ich meine Kraft – und in welcher Reihenfolge lebe ich?
Wenn Du magst, nimm Dir einen Moment und überlege: Welche Schale steht gerade bei Dir ganz oben – und welche kommt zu kurz?
Vielleicht ist das schon der erste Schritt, der die Richtung ändert.