Zum Hauptinhalt springen
Junior Consultant

In Island ist es an Heiligabend üblich, sich Bücher zu schenken und den Abend gemeinsam zu lesen. Dazu gibt es heiße Schokolade und Marshmallows – alles zusammen bekannt als Jolabokaflod.

Schöne Tradition und Grund für einen Exkurs statt reiner SEO-Weisheiten. Zum Jahresende motiviere ich Dich, ein Buch zu lesen. Ich bevorzuge Papier, aber Hauptsache ein Buch. SEO und Bücher haben viele Parallelen.

Ende 2023 habe ich schon mal so einen Artikel geschrieben und folgendes mit Dir geteilt: Bücher sind wie das reale Leben und SEO – kompliziert und komplex statt schnelllebig und oberflächlich wie Social Media.

Das erwartet Dich heute:

  • Einige Zahlen, die mir Angst machen
  • Warum wir es schwerer mit dem Lesen haben
  • Welche Tugenden Lesen und SEO gemeinsam haben
  • Persönliche Buchempfehlungen, um das Jahr ausklingen zu lassen

Die Lesekrise: Wir lesen immer weniger

Wie schlimm sind die Zahlen?

NAEP hat Folgendes festgestellt:

  • 1984 lasen 35% der 13-Jährigen zum Spaß.
  • 2023 waren es nur noch 14% und 31% gaben an, nie aus Spaß zu lesen.
  • Eine These: Die Einführung von Smartphones hat zu dieser Entwicklung geführt.

Im “What Kids Are Reading Report?” heißt es, dass Kinder zwischen 1-11 Jahren YoY 4,4% weniger gelesen haben.

In Deutschland lesen wir auch weniger. 27 Minuten (2022) statt 32 Minuten (2012) und sitzen über 2 Stunden vor dem Fernseher. Gleichzeitig ist die Fernsehzeit gestiegen.

Die Washington Post hat Anfang des Jahres zwei Artikel veröffentlicht und Zahlen geteilt:

Ein Graph, der die Anzahl derer darstellt, die lesen. Es handelt sich um Zahlen aus den USA. Von ca. 30% bei Frauen, 23% bei Männern und über 25% im Durchschnitt sind die Werte bis 2022 auf unter 20% (Frauen), unter 15% (Männer) und 17% (Durchschnitt) gesunken.

Von über 25% auf leicht über 15%, die überhaupt lesen. 46% der Amerikaner*innen haben in 2023 kein Buch gelesen und Bücherläden in allen Größen schrumpfen. Uffff. Aber das ist nur ein Problem.

Die Aufmerksamkeitskrise: Wir können kaum noch lesen

Im Kollektiv sinkt unsere Aufmerksamkeitsspanne (Zeit, die wir über ein Thema sprechen). Das betrifft Kinokartenverkäufe, n-grams in Google Books und z. B. Themen auf Twitter. Hier ein paar Zahlen zu Twitter:

  • 2013 war ein Thema durchschnittlich 17,5 Stunden in den Top-50
  • 2016 waren es nur noch 11,9 Stunden

"Ja, aber wir hören stundenlang Podcasts und bingewatchen ganze Serien.“ Das stimmt. Aber das eine ist passiv und das andere aktiv.

Stundenlanges Lesen ist anstrengend und erfordert viel Aufmerksamkeit und Konzentration – vorausgesetzt Du möchtest nicht nur berieselt werden, sondern lernen. Wenn Du mit dem Gelesenen in Zukunft etwas anfangen möchtest, braucht es Wiederholung und aktiven Recall.

Stattdessen nehmen wir häufig unser Smartphone in die Hand. Manche Studien gehen von mehr als 2.500x am Tag aus. Allein die Anwesenheit von unseren Smartphones kann uns ablenken, was als Brain Drain bekannt ist.

Als ich diesen Artikel von Evan Armstrong (Lead Writer bei Every) las, musste ich lachen (Evan ist witzig) und intensiv nachdenken:

“The first time I opened TikTok was the first time I was terrified by technology. At 9 p.m. on a Tuesday night in Southern Utah, I downloaded the app thinking I would check it out for five minutes. Then, without warning, I looked over at the clock and it was 3:30 a.m. I had been scrolling for six-and-a-half hours without pause.

At first, I thought I had a stroke or the clock was wrong, but then I realized that I had just been laying in bed, flicking my thumb up the screen, my mind ignoring the passage of time. TikTok had grabbed control of me—body and mind. It was spooky.”

Kennst Du das? Das ist der Grund, warum ich TikTok als Tor zur Hölle bezeichne. Und ich bin froh, dass ich größtenteils ohne Smartphones aufgewachsen bin und meine Kindheit genießen konnte.

Es liegt aber nicht nur an unserer schrumpfenden Aufmerksamkeit, dass wir weniger lesen. Wir sind auch süchtig nach Geschwindigkeit.

Der Geschwindigkeitsrausch: Wir müssen immer schneller werden

In seinem Buch Stolen Focus beschreibt Johann Hari unseren heutigen Umgang beim Bücherlesen als nervöses Umherhuschen in einem vollen Supermarkt – wie jetzt zur Weihnachtszeit – schnell rein, alles grabschen, was man braucht und sofort wieder raus.

Das steht im Kontrast zu Entspannung, Verlangsamung und einer Reise in eine andere Welt. Warum muss alles so schnell gehen heutzutage?

Nach Hartmut Rosa geht es um das Konzept der sozialen Beschleunigung, welches 3 Ebenen hat:

  1. Technologische Beschleunigung
  2. Beschleunigung der sozialen Veränderung und
  3. die Beschleunigung des Lebenstempos

Die wahrgenommene Zeit in der Gegenwart schrumpft und wenn man stillsteht, fühlt es sich so an, als würde man zurückgelassen werden (bekannt als Red Queen Effect).

Wir wollen ein Gefühl der Kontrolle haben und wenn wir in weniger Zeit mehr schaffen, haben wir dieses Gefühl. Schnelle Erfolge fühlen sich besser an, als lange in die Zukunft zu arbeiten, ohne sichtbare Meter zu machen.

“When you start behaving like a winner, doing the right things, there is a time delay of when you will see the results of this work. The bigger the win you are looking for, the longer the delay. You must be willing to endure this period.”

Alex Hormozi (Unternehmer und Investor)

Alles, was viel Wert ist, ist entweder selten oder nur mit viel Geduld und harter Arbeit möglich. Wir wollen es aber schnell und mit wenig Aufwand. Das funktioniert nicht.

Gute SEO ist nicht kurzlebig und zerbrechlich, sondern langlebig und antifragil. Etwas, was schnell wächst, stirbt schneller. Wir wollen ein stabiler Baum sein, der Generationen überdauert statt einer Wunderkerze zum Jahresende, die kurz aufglüht und dann für immer erlischt.

Die Navy Seals folgen dem Mantra “Slow is smooth, smooth is fast.” Um schneller ans Ziel zu kommen, müssen wir langsam vorgehen, anstatt um dem schnellen Erfolge wegen alles übers Knie zu brechen.

Neben Geduld brauchen wir Anstrengung. Schwierige Dinge haben größere Eintrittsbarrieren und sind weniger überfüllt.

Anstrengung schafft Sinn

“Reading is meaningful and everything meaningful has effort behind it.”

Odysseas (Content Creator)

Bedeutsam ist, was anstrengend ist. In diversen Podcasts erzählt Robert Greene z. B. wie er Altgriechisch gelernt hat und Thukydides übersetzen musste – ohne technische Hilfsmittel.

Er hat Stunden für einen Absatz gebraucht, und laut seinem Professor war das Ergebnis nicht gut genug. Also musste er nochmal ran. "Ja, aber er könnte das heute einfach mit ChatGPT übersetzen.”

Ja, das könnte er. Aber ohne die schwierigen Gewässer wäre er laut eigener Aussage heute kein erfolgreicher Autor, der Millionen an Büchern verkauft.

Manche Dinge skalieren nicht. Schnelleres Lesen führt ab einem gewissen Punkt zu abnehmendem Grenznutzen. Statt schneller zu lesen, kannst Du dann nur die Zeit, die Du liest und die Zeit, die Du wirklich liest (anstatt abgelenkt zu sein) steigern.

Ähnlich ist es, wenn der Aufwand, etwas zu erstellen, schrumpft. Dann verlieren manche Dinge ihren Wert:

  1. Kunst wirkt wertvoller, wenn viel Aufwand und bestimmte Techniken zur Erstellung nötig waren
  2. Wir sehen und hören uns Podcasts an, weil zwei echte Menschen mit echten Erfahrungen aufeinander treffen und miteinander sprechen

Notebook LM ist eine nette Spielerei, aber nach 1-2 mal anhören fühlt es sich für mich nicht richtig an und verfehlt, worum es in einem wirklich guten Podcast geht.

Ich habe das folgende Zitat gefeiert (und “AI images” durch “cheap AI content” eigenmächtig ersetzt):

“You know what I realized about cheap AI content in your marketing? It sends out the message that you've got no budget. It's the digital equivalent of wearing an obviously fake Chanel bag. Your whole brand immediately appears feeble and impoverished.”

Del Walker (Principal Character Artist)

Kunst ist subjektiv und wir sind nicht rational. Selbst wenn KI-Podcasts sich mal authentisch nach “echten Menschen” anhören, wären sie für uns weniger wertvoll (wenn wir wüssten, dass der Inhalt per Knopfdruck entstanden ist).

Den Zauberknopf drücken, auch wenn das Ergebnis objektiv das Gleiche wäre, ist nicht das Gleiche.

Beispiel: Mit einem Helikopter auf dem Mount Everest zu landen ist nicht dasselbe, wie wenn Du den Gipfel selbst erklimmst.

Der Flug wäre einfach. Den Gipfel selbst zu erklimmen ist mit monatelangem Training, großer Anstrengung und viel Risiko verbunden. In beiden Fällen wirkt das Ergebnis auf den ersten Blick gleich, ist es aber nicht. Der harte Weg fühlt sich wertvoller an.

Wenn etwas anstrengend ist, müssen wir weitermachen statt aufzugeben.

“Stopping a piece of work just because it’s hard, either emotionally or imaginatively, is a bad idea. Sometimes you have to go on when you don’t feel like it, and sometimes you’re doing good work when it feels like all you’re managing is to shovel shit from a sitting position.”

– Stephen King (Autor)

Bücher lesen ist anstrengender, als einen Artikel zu skimmen, einen Podcast zu hören oder sich nur eine Zusammenfassung reinzuziehen. Aber es lohnt sich.

Ein Fazit und Buchempfehlungen, um besser zu werden (in der SEO und persönlich)

Lesen erfordert Konzentration, Aufmerksamkeit, Anstrengung und Geduld. Genau die Tugenden, die uns besser in der SEO machen:

  • Die Basics für lange Zeit sehr gut machen,
  • nicht von neuen, funkelnden Spielzeugen ablenken lassen,
  • die extra Meilen für hervorragende Inhalte gehen und
  • die Geduld, dass gute Dinge länger dauern.

Der größte Vorteil ist, dass wenn der Stein rollt, das Wasser gepumpt ist und der erste Dominostein gefallen ist, dann ist alles einfacher.

Zum Abschluss 3 Buchempfehlungen, die Dich garantiert besser machen:

Never Split The Difference (Chris Voss): Verhandlungen, die wir täglich als SEOs führen, basieren fundamental auf dem Verständnis menschlicher Emotionen, Empathie und aktivem Zuhören.

“When they’re not talking, they’re thinking about their arguments, and when they are talking, they’re making their arguments. Often those on both sides of the table are doing the same thing, so you have what I call a state of schizophrenia: everyone just listening to the voice in their own head.”

Influence (Robert Cialdini): In unserer modernen, komplexen Welt verlassen wir uns immer mehr auf unsere mentalen Shortcuts, um von der Reizflut nicht überflutet zu sein. Und für Dich ist wertvoll zu wissen, welche Hebel Du ziehen kannst, um die Menschen um Dich herum zu beeinflussen.

“We, too, have our preset programs, and although they usually work to our advantage, the trigger features that activate them can dupe us into running the right programs at the wrong times.”

The Obstacle is the Way (Ryan Holiday): Probleme sind Herausforderungen und Herausforderungen sind Chancen. Fokussiere Dich auf Dinge, die Du ändern kannst. Je mehr Kontrolle Du dem zuschreibst, was Dir passiert, desto mehr kannst Du selbst auch verändern.

“In our own lives, we aren’t content to deal with things as they happen. We have to dive endlessly into what everything “means”, whether something is “fair” or not, what’s “behind” this or that, and what everyone else is doing. Then we wonder why we don’t have the energy to actually deal with our problems.”

Das Schönste an guten Büchern: Du bekommst 10 Jahre Erfahrung eines Menschen für ca. 10 Euro. Das ist besser als ein Artikel, für den im Durchschnitt 4 Stunden notwendig waren. Den kannst Du zwar gratis lesen, aber häufig kommen sie von Sesselpupsern, die eigentlich keine Ahnung haben.

Eine Meme von Scooby Doo. Auf der linken Seite ist eine gefesselte Person mit einer Gespenstermaske. Auf der rechten Seite ein blonder Mann, der der gefesselten Person die Maske abnimmt. Maskiert ist die Person ein "angeblicher Fachexperte". Ohne Maske entpuppt sich die Person als SEO und Content Marketer.

Junior Consultant

Das ist ein Artikel aus unserem Newsletter. Wenn Du jeden Dienstag Morgen schlauer werden möchtest, melde jetzt kostenfrei für den SEO-Newsletter an

Kurze, praxisnahe SEO-Tipps – maximal 1× pro Woche. Keine Werbung, kein Spam.

Deine Daten sind bei uns in guten Händen und werden ausschließlich für diesen Newsletter genutzt.