Erst einmal ein Bild zur Einstimmung. Schau Dir das hier bitte kurz an:
Sieht harmlos aus, oder? Ein netter, kleiner Chatbot, der uns beim Shoppen hilft. „Kauf mir diese Winterschuhe, aber in Blau und passend für breite Füße.“
Google nennt das Ganze Universal Commerce Protocol (UCP). Ich nenne es die „Google hat keinen Bock mehr, hässliche Websites zu parsen“-Initiative.
Was ist da los im Google-Maschinenraum?
Google hat gerade „under the Hood“ erklärt, wie sie sich die Zukunft des Shoppings vorstellen. Es geht um Agentic Shopping. Das bedeutet, dass nicht mehr Du als Nutzer mühsam durch Filter-Navigationen auf irgendwelchen Online-Shops klickst, sondern dass Dein KI-Agent das für Dich erledigt. (Deswegen sage ich auch beim Prompts schreiben immer höflich „bitte“, damit ich beim Robo-Armageddon verschont bleibe.)
Und damit diese Agenten verstehen, was ein Produkt kostet, ob es lieferbar ist und wie man es bezahlt, baut Google das UCP. Ein standardisiertes Protokoll, damit jeder Agent mit jedem Shop reden kann. Klingt nach großer Freiheit und Interoperabilität, oder? Fast schon rührend, wie Google sich um den freien Datenaustausch sorgt. Danke, Google!
Die Website wird zum optionalen Accessoire
Wenn dieses Protokoll erst einmal steht, ist die klassische E-Commerce-Website technisch gesehen … nun ja, überflüssig. Wenn der Checkout direkt im Protokoll-Layer passiert (wie im Screenshot oben angedeutet), warum solltest Du dann noch die liebevoll gestaltete Brand-Experience mit dem mühsam optimierten Warenkorb-Funnel besuchen? Die Handetasche muss gar nicht mehr lebendig sein!
Wir optimieren hier nicht mehr für den Klick auf das Suchergebnis, sondern für die Erwähnung und Transaktion innerhalb des Agenten-Interfaces.
Ein Schelm, wer hier ĂĽber den Tellerrand denkt: SERP-Domination 8.0
Mal laut gedacht … Wenn ich keine Website mehr brauche, um Produkte zu verkaufen, sondern nur noch einen UCP-konformen Agenten-Endpunkt, was hindert mich als „E-Commerce-Schlingel“ eigentlich daran, das Spiel zu fluten? Das hier ist die Grundvoraussetzung dafür.
Bisher war eine Website eine HĂĽrde
Domain-Autorität, Content, Technik, Hosting – das kostet Zeit und Geld. In einer UCP-Welt könntest Du theoretisch 50 verschiedene Shopping-Agents ins Rennen schicken, die alle das gleiche Sortiment anbieten, aber unterschiedlich „gebrandet“ sind. Ein Agent für „Schnäppchen-Shopping“, einer für „Outdoor“ und einer für „Last-Minute-Geschenke“. Wenn Google diese Agenten in der SERP oder im Gemini-Chat nebeneinander ausspielt, besetzt Du die gesamte Klickfläche. Don’t try this at home!
Noch mehr Kopfschmerzen fĂĽr die Strategie-Abteilung
Aber bevor Du jetzt Deine Web-Developer entlässt, habe ich noch ein paar kritische Fragen im Gepäck, die uns in den nächsten Monaten beschäftigen werden.
- Wenn die Transaktion im Google-Layer stattfindet – woher weißt Du dann, welcher Marketing-Kanal eigentlich den Lead gebracht hat? Google wird Dir sagen: „Vertrau uns, es war die KI.“ (Spoiler: Es ist immer die KI.)
- Wenn alle Produkte über das gleiche neutrale Interface des Agenten ausgespuckt werden, wie differenziert sich dann noch die Premium-Marke vom Billig-Reseller? Wenn der Agent sagt: „Hier ist der Schuh, klick hier zum Kaufen“, bleibt vom mühsam aufgebauten Markenimage genau nullkommanichts übrig.
- What about Qualitätsanspruch? Google wird ein System brauchen, um Agenten zu bewerten. Denk Dir schon mal fancy Namen für "Agent SEO" aus…
- Daten-Hoheit/GDPR: Wer besitzt die Kundendaten nach dem Kauf? Wenn der User nie auf Deiner Seite war, hast Du dann ĂĽberhaupt eine CRM-Chance, oder bist Du nur noch der Logistik-ErfĂĽllungsgehilfe fĂĽr Googles Shopping-Layer?
Google baut die Infrastruktur fĂĽr ein Web, in dem sie nicht mehr nur die TĂĽrsteher sind, sondern direkt das gesamte Kaufhaus besitzen. Das UCP ist das Getriebe dafĂĽr. Klingt leider erst mal wie ein Trumpeltier im Porzellan-Webshop. Ich male schon mal ein Protest-Gif.