Hat Kodak damals den Anschluss an das digitale Geschäft verpennt und unterschätzt? Oder hat sich Kodak mit den vorhandenen Informationen nur für einen anderen Weg entschieden, den wir im Nachhinein als "offensichtlich falsch" interpretieren?
Hinterher ist man immer schlauer. Warum rede ich von Kodak in einem SEO-Newsletter? Weil Google in einer ähnlichen Position ist, wie Kodak damals war.
Nur weil sich eine Entscheidung im Nachgang als Fehler herausgestellt hat, heißt das nicht, dass es eine schlechte Entscheidung war:
"The quality of a choice cannot be judged just by the result. (I first learned this in baseball. Just because a pitch you call or play you call doesn't work out doesn't make it a poor choice. It could have been the right call, but bad luck. Or vice versa.)"
– Nassim Taleb in "Fooled by Randomness"
Wir müssen mit den Informationen arbeiten, die wir zu einem gewissen Zeitpunkt haben. Entscheidungen unter Unsicherheit treffen gehört in der SEO zu unserem Alltag.
Weitere Gemeinsamkeiten zwischen Kodak und Google
Kodak hatte im analogen Bereich die dicke Cash Cow sitzen. Das heißt nicht, dass sie kein Auge auf den Bereich der Digitalfotografie hatten – im Gegenteil. Es hatte nur keine Priorität und musste behutsam in das vorhandene Geschäftsmodell integriert werden, um Kannibalisierungseffekte zu reduzieren.
Im Buch "Innovator's Dilemma" beschreibt Clayton Christensen die Problematik technologischer Entwicklungen mit der S-Kurve. Kurz gesagt: Im frühen Zeitverlauf gibt es viel Raum für Innovationen, aber keinen bzw. wenig ROI.
Verbesserungen bei neuen Technologien verstärken sich über die Zeit, sodass es wie bei SEO und Investments quasi zu einem Zinseszinseffekt kommt:

Wer zuerst in der extremen Steigung der S-Kurve ankommt, hat einen massiven Vorteil. Und das war nicht Kodak, sodass ein Aufholen schwierig war.
Digitalkameras waren zum Start in den meisten Eigenschaften schlechter als analoge Kameras und sehr teuer. OpenAI, Perplexity und andere Wettbewerber sind in vielen Belangen schlechter als die Google Suche, aber mindestens in einer Sache besser: Relevance Matching.
"Relevance matching is a great example of an eroding moat due to technological progress."
– Kevin Indig in "Eroding Moats"
Der Unterschied von Kodak im Vergleich zu Google: Google hat diverse Produkte im Köcher und hat früh angefangen, sich mit dem KI-Thema auseinanderzusetzen. Daher nennen sie sich auch eine AI-first company. Kodak hatte auch digitale Kameras, hat aber in diesen Sektor weniger Zeit und Geld reingesteckt, als es Google mit KI macht.
Aber das Kernproblem für Google ist das gleiche wie für Kodak: Wie lässt sich die Disruption durch KI mit dem eigenen Geschäftsmodell, vor allem Suchanzeigen in der Google Suche, vereinbaren?
Googles tiefster Burggraben
Vor ein paar Wochen habe ich einen interessanten Artikel von Scott Galloway gelesen, in der er auch dieses Thema aufgreift. Er argumentiert, dass Google ein Ass im Ärmel hat. Ihre Daten. Google hat ein nahezu einzigartiges Ökosystem, dessen Teil nahezu alle Menschen im Internet sind.
Im ersten Moment denkt man vielleicht nur an die Google Suche und den Chrome Browser. Aber da wären auch noch:
- Google Docs
- Google Mail
- Google Calendar
- Google Maps
- YouTube
- Android
- undundund
Der einzige Wettbewerber mit einem ähnlichen Ökosystem ist Apple. Die wollen
- erstmal keine eigene Suchmaschine bauen,
- finden Bing zu schlecht und
- sprechen gerade mit Google, ob man Gemini nicht aufs iPhone bringen könnte.
Daten gibt es seit kurzem auch in voller Bandbreite von Reddit. Das Reddit viel gesucht wird, hast Du sicher mitbekommen. Als ich die News gelesen habe, habe ich recherchiert und gerechnet:
32 Milliarden Suchanfragen im Jahr 2023 enthielten "reddit" (Quelle)
geteilt durch 3.102 Milliarden Suchanfragen weltweit im Jahr 2023 (Quelle)
= Reddit taucht in ca. 1% aller weltweiten Suchanfragen auf. Das ist unglaublich.
Nicht nur das. Laut Ahrefs zieht Reddit nahezu gleich auf mit dem monatlichen organischen Traffic von Amazon:

**Google hat mehr Daten als jedes Unternehmen auf der Welt. **
Marktführer sein bringt eigene Regeln mit sich
Einer der Gründe, warum Google abseits der direkten Gefahr für das eigene Geschäftsmodell so vorsichtig sein muss, ist die Rolle als Marktführer. In "Google Under Pressure – Verliert Google das KI-Wettrennen?" schrieb ich:
"Was interessant ist: Niemand interessiert sich für die Fehltritte von Bing, außer es kommt zu Totalausfällen, in denen Bing z. B. die CSU als rechtsextreme Partei bezeichnet. Da ist dann auch für Bing der Bogen überspannt."
Hätte Google ein Produkt wie ChatGPT gelauncht, wären sie ausgelacht worden. OpenAI nicht. Es gelten andere Regeln für den Marktführer.
"Market leaders make their money providing customers with the best product, not by throwing half-baked, partially serviceable technology at them, even if in the long term that technology may become more popular."
– Scott Galloway in "Searching"
Jes Scholz hat das Thema – Google und Disruption – ebenfalls auf der SMX angeschnitten und mit viel Selbstsicherheit gesagt, dass wir uns nichts vormachen dürfen. Google wird bei sich selbst für Disruption sorgen, anstatt darauf zu warten, dass andere dafür sorgen.
Ich bin mir da nicht so sicher. Was wir bisher sehen konnten, waren mehr Reaktionen als Aktionen. Ein gutes Beispiel war die frühe Präsentation der SGE.
Google verdient mit Suchanzeigen – der Cash Cow – mehr als 50% aller Umsätze. Der Aktienkurs ist seit Ende 2021 auf kein neues Level gestiegen:

Durch die vorhandenen Bemühungen zum KI-Thema (SGE, Bard jetzt Gemini, die Integration von KI in Maps & andere Produkte, etc.) kann Google den
- Markt beobachten,
- kleine berechenbare Schritte machen und
- hat mindestens einen Reservisten (= die SGE als Soldat, der dauerhaft aktiv trainiert und jederzeit antreten könnte).
Dadurch kann das Risiko, solange der Wettbewerb keinen großen Zuspruch gewinnt, minimiert werden. Daher glaube ich weiterhin nicht daran, dass die SGE ausgerollt werden würde, wenn Google sich nicht absolut sicher ist, dass die Einnahmen aus Suchanzeigen sichergestellt sind.
Dafür bedarf es auf der einen Seite ausreichend Anzeigenabdeckung und wenn sich das Kernprodukt ändert, ähnliche Nutzerzufriedenheit. Wenn kein Mensch die SGE so mag, wie sie jetzt ist, wird Google sie uns nicht servieren.
Lieber häppchenweise kleine Features einbauen, die Nutzer und Nutzerinnen wirklich hilfreich finden.
Die richtige Entscheidung zu treffen ist für Google ein wahrer Drahtseilakt. Die Frage ist: Welches Risiko ist größer? Den Anschluss verlieren oder die eigene Gelddruckmaschine gefährden? Wofür würdest Du Dich entscheiden?