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Head of Operations & Quality

Es gibt Dinge, die man manchmal einfach nutzt, ohne groß darüber nachzudenken. Weil man sie immer so genutzt hat. Weil andere sie so nutzen. Die Rede ist von Kreisdiagrammen. Zugegeben, wir hatten das Thema hier im Newsletter schon mal vor knapp vier Jahren auf dem Tisch. Damals brachte es Johan treffend auf den Punkt: “Torten sind zum Essen da.” Doch als ich kürzlich bei der Auswertung einer Statistik ganz selbstverständlich wieder ein solches Diagramm zeigte, hat man mich bei Wingmen noch einmal eindrücklich daran erinnert, warum das so ist. Wie gut, dass man bei uns Dinge immer kritisch hinterfragt. So wurden mir noch einmal die Augen geöffnet, dass Tortendiagramme selten die richtige Wahl sind.

Warum unser Gehirn Balken bevorzugt

Der Grund dafür liegt in der Art und Weise, wie unser Gehirn visuelle Informationen verarbeitet. Der Datenvisualisierungs-Pionier Edward Tufte bezeichnete Kreisdiagramme einmal pointiert als “grafische Form der Lüge”.

Das klingt im ersten Moment hart, hat aber einen rein biologisch-wissenschaftlichen Kern: Unser Auge kann Längen und Flächen sehr gut einschätzen. Bei Winkeln scheitern wir hingegen oft. Ein simples Balkendiagramm ist für unsere Wahrnehmung schlicht logischer – und kommt oft sogar ganz ohne Beschriftung aus, um Verhältnisse sofort sichtbar zu machen.

Kreisdiagramme bringen in der Praxis handfeste Einschränkungen mit sich:

  • Fehlende Basislinie: Es gibt keinen gemeinsamen Nullpunkt.
  • Illusion eines Ganzen: Durch einen vollständigen Kreis entsteht automatisch die Illusion eines Ganzen. Was jedoch oft gar nicht richtig sein muss, da die zugrundeliegenden Rohdaten diese Illusion selten stützen.
  • Kein Zeitverlauf & keine Vergleiche: Veränderungen über die Zeit lassen sich schlicht nicht abbilden. Auch der Vergleich zwischen mehreren Kreisdiagrammen ist visuell kaum möglich.
  • Visuelles Chaos: Bei mehr als fünf Segmenten verliert das Auge komplett die Orientierung.
  • (Und über 3D-Effekte hüllen wir aus ästhetischen Gründen am besten direkt den Mantel des Schweigens.)

Aber was ist, wenn man nur ganz wenige Antwortoptionen und ein einmaliges Ergebnis hat? Studien aus der Forschung (siehe z.B. die Studie “From Perception to Decision: Assessing the Role of Chart Types’ Affordances in High-Level Decision Tasks”) befassen sich genau damit. Das Fazit: Ja, bei 2 bis 4 Segmenten und klarer Ganzes-Teil-Beziehung funktionieren Tortendiagramme für grobe Einschätzungen. Sie sind in diesen engen Grenzen vertretbar. Aber sie sind eben nicht besser. Ein Balkendiagramm bleibt für das exakte Vergleichen von Werten schlichtweg klarer, platzsparender und präziser.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Barrierefreiheit. Kreisdiagramme bieten von Haus aus keinerlei Barrierefreiheit – und das liegt nicht nur an der Farbe, sondern auch an der komplexen visuellen Erfassung von Winkeln. Hinzu kommt erschwerend, dass sie zwingend auf Farbe angewiesen sind, um die Segmente überhaupt voneinander zu trennen (Stichwort: Rot-Grün-Schwäche). Und selbst wenn man das ignoriert, greift die Farbpsychologie: Wenn in einer Auswertung “Ja” rot und “Nein” grün eingefärbt ist, stolpert das Gehirn. Außerdem zieht die große, farbige Fläche sofort die volle Aufmerksamkeit auf sich, während die eigentliche Information in den Hintergrund rückt. Um den Größenunterschied zwischen zwei Segmenten wirklich zu greifen, braucht man am Ende doch wieder die nackten Prozentzahlen am Rand.

Daten ausziehen statt anziehen

Was lernen wir daraus für unsere Diagramme im Allgemeinen?

Weniger ist mehr. Daten sehen einfach besser aus, wenn man sie entblättert. Anstatt Diagramme mit überflüssigen Elementen zu überladen, hilft der Fokus auf das Wesentliche.

Prozess der Bereinigung eines Balkendiagramms visualisiert Quelle: "Data Looks Better Naked" von darkhorsevisualization.com

Das bedeutet konkret für eine saubere Datenkommunikation:

  • Das richtige Format wählen: Im Zweifel schlägt das Balkendiagramm das Kreisdiagramm fast immer, weil es präziser ist und ohne Verzerrungen auskommt.
  • Klare Botschaft: Die Diagrammüberschrift nennt die Hauptaussage (“Mobile Traffic wächst weiter” statt nur “Traffic nach Device”).
  • Kontext liefern: Quellenangabe, Zeitraum und genutzte Filter gehören immer dazu.
  • Einheitliche Farblogik: Vergleichbare Charts brauchen identische Farben (z.B. blau = Website, grau = Benchmark).
  • Kleine Hilfen: Annotationen (Pfeile oder kleine Textboxen) machen Besonderheiten sofort greifbar.
  • Dynamische Daten: Wenn sich Daten ständig ändern, lieber direkt auf ein interaktives Dashboard (wie Looker Studio) verlinken.

Antoine de Saint-Exupéry fasste dieses Prinzip bereits treffend zusammen:

”Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.”

In diesem Sinne: Wenn sich das nächste Mal alles im Kreis dreht, ziehe ich vielleicht doch lieber einen simplen Balken.

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