Mails beantworten, während man an der nächsten Präsentation feilt, mit einem halben Ohr im Call hängen, nebenbei eine To-Do-Liste aktualisieren und vielleicht noch schnell den Slack-Status ändern. Willkommen im Arbeitsalltag 2025. Multitasking ist längst zum Synonym für Effizienz geworden. Es vermittelt das Gefühl, besonders viel zu schaffen, besonders schnell zu sein.
Doch genau hier liegt das Problem: Multitasking fühlt sich produktiv an, ist es aber nicht.
Der Mythos vom parallelen Denken
Unser Gehirn ist schlichtweg nicht fürs echte Multitasking gemacht. Was wir im Alltag als „gleichzeitiges Arbeiten“ erleben, ist in Wirklichkeit ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben. In der Neurowissenschaft spricht man von Task Switching. Und jedes Umschalten kostet Energie. Studien zeigen: Wer häufig zwischen Tätigkeiten wechselt, braucht im Schnitt bis zu 40 % mehr Zeit und macht mehr Fehler.
Der Grund dafür liegt im präfrontalen Kortex, der für komplexe Denkprozesse, Entscheidungsfindung und Konzentration zuständig ist. Bei jedem Aufgabenwechsel muss dieser Bereich die neue Information „hochfahren“, während der vorherige Kontext „geparkt“ oder vergessen wird. Dieser mentale Wechsel ist wie ein ständiges Ein- und Aussteigen aus einem fahrenden Zug. Anstrengend, unökonomisch und auf Dauer ziemlich zermürbend.
Kleine Reize, große Wirkung
Warum tun wir’s dann trotzdem?
Weil unser Gehirn ständig nach Belohnung sucht und Multitasking versorgt es mit einem bunten Strauß an Mini-Belohnungen: Neue E-Mails, Chatnachrichten oder Social-Media-Updates aktivieren unser dopaminerges Belohnungssystem. Kurz gesagt: Wir bekommen einen kleinen Kick. Das fühlt sich gut an, auch wenn es unsere Produktivität sabotiert.
Langfristig trainieren wir unser Gehirn dadurch auf ständige Ablenkbarkeit. Das kann dazu führen, dass es uns immer schwerer fällt, in einen Zustand tiefer Konzentration zu kommen. Ein Phänomen, das der Autor Cal Newport in seinem Buch “Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World“ treffend als „Shallow Work“ beschreibt: viel Aktivität, wenig Tiefe.
Was passiert im Gehirn beim Multitasking?
Neuroimaging-Studien, z. B. mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), zeigen, dass bei häufigem Task Switching der dorsolaterale präfrontale Cortex besonders aktiv wird. Dies ist ein Bereich, der bei kognitivem Stress und hoher mentaler Belastung eine große Rolle spielt. Gleichzeitig wird die Aktivität in Arealen reduziert, die für langfristiges Planen, Gedächtnisbildung und Kreativität zuständig sind.
Kurz gesagt: Wir sind zwar „on fire“, aber es brennt auch schneller aus.
Multitasking im Büro: der neue Normalzustand?
Besonders im digitalen Arbeitskontext ist Multitasking fast unvermeidlich. Tools wie Slack, Mails, Projektmanagement-Plattformen oder SEO-Tools arbeiten in Echtzeit und fordern genau das auch von uns. Doch gerade kreative Arbeit, strategisches Denken oder fokussierte Beratung brauchen Zeit, Tiefe und innere Ruhe.
Multitasking wirkt hier wie ein permanenter Hintergrundlärm, der verhindert, dass unser Gehirn in den Modus des Deep Work kommt, also jenem mentalen Zustand, in dem wir wirklich in Aufgaben eintauchen und Lösungen entwickeln, die Substanz haben.
Monotasking: die unterschätzte Superkraft
Die gute Nachricht: Man kann lernen, besser mit dieser Reizflut umzugehen und sich bewusst gegen Multitasking entscheiden.
- Fokuszeiten blocken: Etwa mit der Pomodoro-Technik oder festen Deep-Work-Zeiträumen ohne Unterbrechungen.
- Benachrichtigungen ausschalten: Klingt banal, wirkt aber Wunder.
- Routinen schaffen: Feste Arbeitsorte, Musik, oder kleine Rituale helfen dem Gehirn, in den Konzentrationsmodus zu kommen.
- Eine Aufgabe – volle Aufmerksamkeit: Klingt oldschool, ist aber der effizienteste Weg zu echter Produktivität.
Fazit: Weniger gleichzeitig = mehr geschafft
Multitasking ist keine Superkraft, es ist ein Mythos. Unser Gehirn arbeitet am besten, wenn es sich auf eine Sache konzentrieren darf. Wer dauerhaft leistungsfähig, kreativ und gesund bleiben will, sollte lernen, den Reiz des „Schnell-viel-Schaffens“ kritisch zu hinterfragen und sich stattdessen auf das nacheinander besinnen.
Oder, ganz einfach gesagt: Weniger Tabs, mehr Klarheit.